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Bar Kochba · 1921-06-01 · Heft 22 · p. Seite 338

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bar Kochba
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 22
Date
1921-06-01
Page
Seite 338 (sequence 2)
Language
German
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Ein Brief von Krritta Müller an die Leser und Leserinnen des Bar Uochba! Wien III, den 20. Mai 1420 praterftratz« 17 Liebe Leser und Leserinnen des Var Kochba! Nls ich vor einiger Zeit in Berlin war, und einer Nnzahl jüdischer Männer und Frauen von dem surchibaren Elend der Kider in Wien, und vor allem der jüdischen Flüchtlingskinder, erzählte, lernte ich den Herausgeber des Lar Kochba Kennen. Und als ich davon sprach, daß-es mich in Deutschland genug schlechternährte Kinder gäbe, die in dunklen und ungesunden Wohnungen lebten, und daß man doch auch in Deutschland etwas für die eigenen Kinder und für die Diener tun solle, da sagte er: „Ich werde mal bei den Kindern anfangen, sie selbst sollen die ersten sein, die ihren Kameraden und Kameradinnen aus der Not helfen." Llls ich dann in der letzten Nummer des Var Kochba den Nufruf an Euch und den verpfichtungsschein las, da freute ich mich sehr, denn ich weiß bestimmt: niemand von Euch wird bei dem schönen Werk fehlen, das Ihr ganz allein aufbauen wollt. Cs ist aber auch sehr, sehr nötig, daß Ihr Euch an dieses Werk macht! Denkt an die traurigen Nächte im Herbst und Winter, während der endlosen Kriegsjahre. Schnee, Wind und Negen draußen und Ihr lagt in Eurem vettchen und zöget dichter die Decke über Euch. Ihr ward geborgen trotz des Kriegslärmes draußen und. der Kriegsnot im Lande. Vas Elternhaus schützte Euch vor der großen Not des Lebens und die Elternhand schützte Euch vor Leid, über dadraußen standen Kinder ' in endlose» Neihen vor den Geschäften, die am andern Morgen Lebensmittel ausgeben sollten: sie standen frierend und in Lumpen gehüllt die ganze Nacht' hindurch und ihre kleinen Köpfe waren müde und schwer. Und als der Morgen kam und grau in die Straßen schlich, als sie sich mühselig ein kleines Päckchen von irgend einem Nahrungsmittel errungen hatten, mußten sie in die Schule eilen. Die Lehrer haben uns erzählt, wie oft die Kinder in der Schule zusammenbrachen, denn sie waren so hungrig und so furchtbar müde. Vas Elternhaus konnte sie vor Dual und Not nicht schützen: die Not verfolgte sie bis an den erkalteten Herd, bis in die Stube, die feucht und finster war. Tausende Kinder saßen an diesen endlosen Winterabenden der Kriegszeit in den Hausfluren um beim trübe» Schein des Lämpchen auf der Treppe ihre Aufgaben zu schreiben, denn ihre Wohnstube war ohne Licht. Tausende Kinder lernten die furchtbaren Winter, mit allen ihren Schrecken kennen. Ihr Leben war dunkel, denn es war ohne Freude und ohne Zärtlichkeit. Gebeugte und zerquälte Mütter hatten kein Lächeln für ihre Kinder, hatten keine Freude spendenden Gaben für sie und nun stehen tausende Kinder und sinb schon so alt und müde in ihren kleine» Seelen und so furchtbar schwach in ihrem Körper. . Ihr lieben Kinder könnt Euch sicherlich nicht an den Tag erinnern, an dem Ihr stehen u»d gehen gelernt habt, aber vielleicht habt Ihr an einem Brüderchen oder Schwesterchen den Jubel miterlebt, wenn sich die kleinen dünnen veinchen runden und festigen und das kleine Menschlein zum ersten Male stolz auf seinen Füßchen steht; . wie da die Mütter jubeln und wie sie beten, daß diese ersten Schrittchen, die das Kind 338

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