Bar Kochba
- Journal
- Bar Kochba
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 21
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 334 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Unterhaltung war bald im Gang, wollte man sich doch die Zeit so angenehm als möglich vertreiben: die Studenten sangen, mit schönen Stimmen lustige Lieder, sür die sie reichen veifall ernteten, der Offizier erzählte aufregende Kriegsgeschichten, an denen die Unwahrscheinlichkeit noch größer war als das Gruseln, das sie hervorriefen, die Dam« mit dem Riechfläschchen wartete mit Gespenstergeschichten auf, und der handlungsreisende erzählte Witze. Die einzigen, die Nicht zur Unterhaltung beitrugenwaren der große Mann im Havelock und der Kleine verschüchterte ■ Jude. , Da sprang plötzlich der handlungsreisende von seinem Platz auf, schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und rief: :,Meine Damen und Herren! Fast hätten wir ganz vergessen, daß wir in wenigen Stunden einen historischen Augenblick erleben werden. An der nächsten Grenze wird von dieser Post der letzte Iudengroschen in Deutschland erhoben, von zwölf Uhr an bezahlt nur noch Gchs und Eselein, nicht aber der Jude mehr seine Kopfsteuer." Da ließ sich zum ersten Mal der Lange vernehmen: „Gentlemen, was heißt: Iudengroschen?" Nun überbot sich allesden Fremden aufzuklären, und so erfuhr er denn, was uns kaum mehr glaublich erscheinen will, daß zur Zeit, da unsere Geschichte spielt jeder Jude, nur weil er „Jude" war, beim Ueberschreiten der Grenzen einen Zoll, „Iudengroschen" genannt, zu entrichten hatte, eine Steuer, die'sonst nur für das Vieh gezahlt wurde. / Beim nächsten Aufenthalt rief der Fremde dem Koydukteur: „Sagen Sie dem pferdeboq, daß ich ihm einen halben Dollar geben werde, wenn wir vor Mitternacht an der Grenze sind." Der Kondukteur führte diesen Wunsch aus und mit verdoppelter Geschwindigkeit zogen die vier Gäule den wagen fort, angetrieben von der peitsche des Kutschers, der sich den halben Dollar nicht entgehen lassen wollte. Endlich nahte der „historische Moment" wirklich: kurz vor zwölf erreichte die Post die Grenzstation. Kaum hielt sie. da wurden die Wagentüren ausgerissen, und eine rauhe Stimme rief hinein: „Grenzstation. Juden zahlen den Zoll!" Gehorsam kletterte der kleine Jude ins Freie, ihm nach alle Insassen des Wagens, bis auf den Fremden, der zu aller Erstaunen sitzen blieb. Der Sekretär saß an einem Tisch, auf dem eine Stalllaterne brannte, hatte einen Bogen Papier vor sich liegen, schnitt sich den.Gänsekiel und fragte nach Namen und Wohnort des kleinen Juden. Aber als alle gerade andächtig lauschten, um den Namen dessen zu erfahren, der sozusagen eine geschichtliche Persönlichkeit werden sollte, erklang von der Kutsche her ein Rumoren und poltern, und plötzlich stand der lange Fremde im Kreise der Gaffenden, ging auf den Postsekretär zu und sagte ruhig: : „Gentleman, ich bin Jude, wollen Sie von mir auch den Groschen haben?" Der Postsekretär machte ein sehr dummes Gesicht, dann, lächelte er und sagte: „Sie belieben zu scherzen, Herr. Ich nehme schon fünf Jahre den Iudenzoll ein, aber solch' einem Juden bin ich dabei nie begegnet." Da griff der Mann in die Brusttasche, zog eine mächtige Brieftasche hervor, krämre darin und hielt dann dem postsekretär einen Schein unter die Rase. Der besagte, daß der Besitzer Sir Samuel Moses Parker war, jüdischer Bürger aus New-l)ork. 334