Bar Kochba
- Journal
- Bar Kochba
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 19
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 298 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Li n j ü d i | ch e Ein jüdisches Kinöcrborf? Was kann das wahl sein? Ein Dorf, in dem nur . Kinder leben, jüdische Kinder? aifo laßt euch erzählen. Ihr wißt, daß während des Krieges gerade diejenige Provinz des alten Oesterreich am meisten verheert wurde, in der besonders viele Juden lebten: Galizien, viele Städte und Hunderte von Dörfern sind dort zerstört worden, so, daß heute kein Stein mehr von ihnen zu sehen ist. Die Vevölkerung mußte oft so schnell fliehen, daß sie nichts von ihrem Hausrat mitnehmen könnte, völlig verarmte ging sie auf die Wanderschaft. Die/ Juden flüchteten sich dorthin, wo sie andere Juden trafen, von denen sie hofften, daß sie ihnen helfen könnten, nach Wien Da lagen sie nun wochenlang buchstäblich auf der Straße, und es dauerte lange, bis die meiste» von ihnen wenigstens ein Vach über dem Kopf hatten. Zuerst schien es, als müßten sie alle in Wien zugrunde gehen. Dann aber fanden sich energische Leute, die für die Flüchtlinge sorgten, so gut es eben gehen wollte. Kn ihrer Spitze stand eine noch ganz junge Frau, Anitta Müller, die besonders für diejenigen sorgte, die es am nötigsten hatten: für die Frauen und Kinder. Wie schwer das war, könnt ihr euch selbst denken, den ihr habt sicher alle in den Zeitungen gelesen, welch türcktbare Not in Wien herrscht. . Aber es ging doch schön ein wenig. Und als nun der Friede kam, kamen auch aus Amerika - Juden nach Wien, die von drüben geschickt worden waren, um zu helfen. Venn die amerikanischen Juden hatten große Summen gesammelt und riesige Mengen von Lebensmitteln geschickt, um ihren Drüdern in Europa beizustehen. Als diese Leute nun nach Wien kamen und mit Frau Anitta Müller und ihren Freunden sprachen, da sagten diese zu ihnen: „wir müssen vor allem den Kindern; Ui n der d o r f helfen, denn sie haben am meisten gelitten und sie sollen doch später noch etwas leisten im Leben, dazu müssen sie gesund und kräftig sein". „Schön," sagten die Amerikaner, „dann sagt uns, was ihr tun wollt, und wenn es etwas Gescheites ist, dann geben wir gern das Geld dazu". Da stand ein noch junger Mann auf und sagte: „Wir wollen einmal etwas. ganz Neues schaffen: eine Kinderrepublik. Lisher waren die Kinder hier in der Stadt, jetzt sollen sie hinaus aufs Land. Bisher sind sie in Schulen gegangen, wo sie selbst gar nicht bestimmen dursten, was sie treiben wollten. Jetzt sollen sie einmal selbst bestimmen, wie es in ihrer Schule aussehen soll und was jeher lernen soll". Die Amerikaner schüttelten die Köpfe und machten bedenkliche Gesichter." Da erinnerte sie der junge Lehrer, der Siegfried Lernfeld hieß, daran, daß es solche Schulgemeinden in Amerika schon gäbe, und der eine oder der andere hatte sie sogar schon gesehen und so beschlossen sie, einen versuch zu machen. Lei . Wien gibt es einen hübschen kleinen Ort, der heißt Laumgart?n. Dort war während des Krieges ein Larackenlazarett gewesen. Diese Laracken kauften die Amerikaner, ließen sie sorgfältig säubern und mit der notwendigen Einrichtung versehen. Lernfeld und Frau Erna patak, die wie Frau Anitta Müller schon lange in der Flüchtlingsfürsorge gearbeitet hatte, gingen als Leiter hinaus, und dann schickte man ihnen eine ganze Menge Kinder und sagte, nun sollten sie einmal zeigen, was sie können. . ’ Da rief Lernfeld sie alle zusammen und sagte ihnen ungefähr Folgendes: „Dieses Kinderdorf hier gehört euch, Ihr sollt einmal zeigen, daß ihr euch selbst regieren könnt. Wir Erwachsene sind nur dazu da, um euch in Dingen zu raten, die