Bar Kochba
- Journal
- Bar Kochba
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 15
- Date
- 1921-02-01
- Page
- Seite 237 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Zu un seren V i 1 d e r n Ein ganz eigenartiges Bild zeigt diesmal die Titelseite des Bar Kochba. Durch die Strotzen eintr Stadt zieht ein seltsamer 3ug Soldaten tragen ein grotzer weißes Tuch, während hinter ihnen ihre Kameraden in Keih und Glied einhermärschieren. 3u beiden Seiten aber steht das Publikum mit entblötztem Haupt. Die 3eitung aus New l)ork, der wir dieses Bild entnommen haben, nennt es: Jewish Sorrow Day*), d h. „Jüdischer Trauertag." Und sie berichtet dazu folgendes: In New l)ork leben mehr Juden, als in irgend einer andern Stadt der Welt, nämlich rund eine Million. Die meisten von ihnen stammen aus dem Osten: aus Rußland, polen und der Ukraine. Sehr viele von ihnen sind erst in den letzten zehn, zwanzig Jahren eingewandert, als sie noch junge Leute waren, die hofften, sich in kurzer 3eit soviel erarbeiten zu können, daß sie ihre Familie Nachkommen lassen könnten. Fast jeder Jude in Amerika hat noch perwandte in Osteuropa, mit denen er Briefe wechselte und denen er meistens Geld schickte. Während des Weltkrieges war natürlich der Verkehr nach Rußland unmöglich und tausende wußten jahrelang nichts, voneinander. als dann der Waffenstillstand kam und die amerikanischen Juden sich freuten, wieder etwas von ihren verwandten zu Hören, kamen furchtbare Nachrichten über, das Meer: die Berichte von den Pogromen in Polen und der Ukraine, von den Schreckenstagen von Lemberg und andern Judenstädten. Da ergriff eine große Aufregung die amerikanische Judenheit und man beschloß, durch einen Niesenumzug durch New park ganz Amerika hinzuweisen auf das furchtbare Morden in Osteuropa Die Ersten, *) Sprich: ju'i(d) (orrot) t>c , welche diesen Gedanken aufnahmen, waren die jüdischen Arbeiter und die jüdischen Soldaten, viele Tausende von jüdischen jungen Männern hatten im amerikanischen Heer und bei der Flotte gedient/ hatten in Frankreich und in Palästina gekämpft. Sie glaubten von den vereinigten'Staaten verlangen zu können, daß das siegreiche Amerika seine Macht gebraucht, um ihre verwandten in Europa vor dem Pogrom ZU So zogen viele tausend ehemaliger Soldaten ihre Uniform wieder an und schritten dem 3ug voraus, an dem sich dos ganze jüdische New pork beteiligte. Nach amerikanischem Brauch trugen sie dabei eine „Service flag“, d. h. eigentlich eine „Dienstflagge." Man versteht darunter ein Fahnentuch, in das man soviel Sterne hineingestickt hat, als der Verein oder wie die Gruppe sonst heißt, Tote und verwundete unter den Mitglieder» hatte. Diese Sterne sind auf unserm Bild so klein, datz sie bei der Wiedergabe nicht zu sehen sind, aber das ganze Tuch ist davon besät, ihr könnt euch also vorstellen, wieviele Opfer der Krieg auch unter den amerikanischen Juden gefordert hat. Der „Jewish Sorrow Day“ ehrt die amerikanischen Juden, er ehrt aber auch die Einwohner von New pork, die in Schären, herbeiströmten und in ehrfurchtsvollem Schweigen sich an den gewaltigen Trauerkundgebungen fürdie Toten des jüdischen Volkes beteiligten. Ein Baum von besonderer Schönheit, der, wie im ganzen Orient, so auch in Palästina häufig vordommt, ist die Tqpresse. Kerzengrade wächst der schlanke Stamm aus dem Boden, und wie ein schön gebauter spitzer Kirchturm ragt die tief-dunkelgrüne 237