Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 51.1938
- Date
- 1938-01-01
- Page
- – (sequence 50)
- Language
- German
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Aus der lebendigen Aktualität der talmudischen Dezisionsarbeit ergibt sich unmittelbar die hohe Wichtigkeit derjenigen Motive, die aus der Sache selbst fließen und aus historischen Gegebenheiten. Die sachlichen oder praktischen Motive bleiben also keineswegs hinter den theoretischen, quellenmäßigen und schulhaften zurück. In vielen Fällen wird ihnen sogar der Vorrang eingeräumt. Nun sollen die praktischen Dezisionsmotive in ihren Hauptzügen dargestellt werden. 1. Schwankungen und Überbrückungsversuche. Dem genetischen Charakter gesetzesreligiöser Lebensführung entsprechend bildet ein Leitmotiv für Dezisionen das Wirken führender Persönlichkeiten, anerkannter Interpreten des Gotteswortes und autoritativer Häupter von Schulen oder religiösen Gemeinschaften. Wenn sich bei diesen eine Wandlung vollzogen hat, so hat sich dies auch im Leben anderer ausgewirkt. Allerdings sind solche Auswirkungen nicht ohne Kampf geblieben, da das religiöse Gefühl sich nicht so leicht hat Grundsätzen unterordnen können, die bloß für weltliche Gesetzgebung maßgebend sind. In Erub. 41a ist uns folgender Bericht erhalten: „Nach dem Hinscheiden R. Gamliels trat R. Josua auf, um dessen Worte aufzuheben. Da erhob sich R. Jochanan ben Nuri und sprach: Ich sehe ein, daß der Rumpf dem Kopfe folgen muß (d. h. wir müssen den alten Lehrern folgen. Raschi). Während der ganzen Lebenszeit R. Gamliels setzten wir die Halacha nach ihm fest, und nun willst du seine Worte aufheben?! Josua, man wird auf dich nicht hören, denn die Halacha wurde bereits nach R. Gamliel festgesetzt, und niemand war da, der dem widersprach." (Allerdings gab es bei mancher Einzelheit eine Ausnahme, s. weiter 131 Tay Jn nrni). Sofern es sich also um eine bereits festgelegte Halacha gehandelt hat, war es schwer, sie zu erschüttern. Verwickelter war die Sachlage, wenn es sich um Lehrsätze kontroverser Autoritäten oder Schulen gehandelt hat, wo es zur Wahl stand, der einen oder anderen Richtung zu folgen. Um diese Wahl hätten sich sehr leicht Theorien ent- 36