Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 49.1932
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2273546-2273643--2473-2276277- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zur neueren Talmudforschung. Von C Iran och Alb eck. Die Bedeutung des Talmudstudiums für die Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur, ja für die Hcligions- und Kulturgeschichte überhaupt, ist bekannt und auch allgemein anerkannt. Hier soll nun von seiner Bedeutung in einem anderen Sinne gesprochen werden: von der aus neuerer Talmudforschung sich ergebenden Lehre, die uns vor Augen führt, welche Grenzen der abstrakten Wissenschaft gezogen sind und welche Gefahren einer Forschung im Wege stehen, die mit der lebendigen Überlieferung keine Verbindung hat und lediglich von der Theorie ihren Ausgangspunkt nimmt Wir Juden haben uns Jahrhunderte lang vorwiegend mit dem Studium des Talmuds und seiner Literatur befaßt und die Bibelforschung vernachlässigt. Gar mancher kannte die Schriftverse eher aus den Zitaten in Talmud und Midrasch als aus ihrer Quelle, aus der Schrift selbst. Die Folge davon war, daß man mit dem Zitat gleichzeitig die „Deutung", die ihm beigelegt wurde, aufnahm. Der ursprüngliche Sinn der Bibelslellen, der „Pcschat", schwand aus dem Bewußtsein oder ging vollständig verloren. Wenn wir nun sehen, wie, gestützt auf wissenschaftliche Hilfsmittel und kulturhistorische Vergleiche, die Bibel interpretiert und in anderes Licht gerückt wird, so sträubt sich in uns manchmal das Gefühl gegen Erklärung und Methode, ohne daß wir aber in der Lage sind, deren Unrichtigkeit nachzuweisen. Dazu kommt, daß wir für die gesetzlichen Bestimmungen der Thora aus dem nicht umfangreichen biblischen Schrifttum nur selten Aufschluß über den Geltungsbereich und die Ausgestaltung der Gesetze erhalten können. Günstiger liegt die Sache beim Talmud. Eine reichhaltige Literatur gewährt uns Einblick in die Entwicklung des Talmuds und seiner Lehren; eine ununterbrochene Überlieferung läßt den Juden Sinn und Bedeutung dort sicher erkennen, wo der Außenstehende erst tastende Versuche zur Entzifferung macht Wir sind also zur Abwehr und Beseitigung von Mißdeutungen, Mißverständnissen und schiefen Darstellungen gut gerüstet. Wir haben von dieser Rüstung auch schon mannigfachen Gebrauch gemacht Und die Lehre, die sich aus dieser Abwehr, ergibt? Ein Blick in die jüngste nichtjüdische Talmudforschung und ihre Kritik zeigt, daß die Methode oft nach den Kegeln der Wissenschaft einwandfrei sein mag, daß das Ergebnis aber als abwegig 66