Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 48.1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 48)
- Language
- German
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stimmt, aber sie beansprucht nicht der alleinige Weg zu Gott zu sein. Gerade weil die übrigen Völker nicht zur Befolgung der Thora verpflichtet sind, will diese keine alleinseligmachende Religion sein. Die nicht jüdischen Völker können ohne Thora. durch Gottesfurcht und sittlichen Wandel den Weg zu Gott finden. Diese Anschauung wird von Mendelssohn der Vorstellungswelt des Aufklürungsrationalismus angepaßt und als Verzicht auf einen besonderen Wahrheitsbesitz gedeutet. Nicht trotz, sondern wegen seine* Gesetzescharakters ist so das Judentum die Religion, die'ganz auf dem Roden der Vernunft steht. Der Glaube an die Universalität und Selbstgenügsamkeit der Vernunft ist auch jüdischer Glaube. Der Jude verlangt auch als Jude keine andere Gewißheit von der religiösen Wahrheit als die allgemein menschliche Gewißheit der Vernunft. Er nimmt für sich nur das ihm gegebene religiöse Gesetz in Anspruch. Mendelssohn will die deistische Kritik des Judentums mit ihren eigenen Waffen schlagen. Nur aus diesem geschichtlichen Zusammenhange heraus ist seine Deutung des Judentums verstehbar. Zu ihrer abschließenden Erfassung bedarf es noch einer Besprechung des bisher zurückgestellten Begriffes des religiösen Gesetzes oder, wie Mendelssohn sagt, der Religionsgebote. Die sinaitische Offenbarung ist keine Offenbarung von Wahrheiten, sondern von Gesetzen, aber von Gesetzen, die sich auf ewige Wahrheiten gründen und zum Nachdenken über sie erwecken sollen. In ihnen liegen die tiefsten Erkenntnisse verborgen und das göttliche Gesetzbuch ist „einem großen Theil des menschlichen Geschlechtes Quelle des Erkenntnisses geworden, aus welcher sie neue Begriffe schöpfen oder die alten, berichtigen". „Mit dem alltäglichen Thun und Lassen der Menschen sollten religiöse und sittliche Erkenntnisse verbunden sein," und kraft ihres „gediegenen Sinnes" sollten sie dem Wahrheitsforscher eine Veranlassung sein, „über jene geheiligter. Dinge selbst nachzudenken oder von weisen Mannern Unterricht einzuholen"47). Diese Art, die religiösen Gedanken zu übermitteln, war dazu bestimmt, das jüdische Volk vor dem Abgleiten ins Heidentum zu bewahren. Die Irrtümer des Heidentums wohnten dem menschlichen Geist nicht ursprünglich inne,~sondcrn sind durch eine irreführende Darstellung an sich wahrer Gedanken „entstanden. Es liegt in der Natur des menschlichen Geistes, seine Vorstellungen durch bildartige Zeichen auszudrücken, aber er ist dann in steter Gefahr, das Bild mit dem bezeichneten Gegenstand zu verwechseln. So sind aus den bildartigen Symbolen, mit denen man die Gottes- 50