Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 47.1930
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
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Standpunkt des Buches ohne Zweifel nichtpharisäisch. Denn nicht „einzelne Eigentümlichkeiten scheinen den Verfasser von dem gewöhnlichen Pharisäismus zu trennen, wie die Opposition gegen den pharisäischen Kalender . . .", sondern seine Gesamtauffassung des Schriftwortes ist, wie wir gesehen haben, nichtpharisäisch. Wenn man auch einzelne Abweichungen von der pharisäischen Halacha als ältere Halachot erklären könnte, so ist es völlig ausgeschlossen, alle diese eigenartigen Vorschriften des Buches als alte Halachot zu stempeln, von denen in der pharisäischen Halacha keine Spur mehr zu entdecken wäre. Wir haben oben auch nachzuweisen versucht, daß Verfasser bei manchen Halachot die pharisäische Auffassung kannte und, wie beim Kalender, gegen sie polemisierte. Er wußte, daß es in bezug auf die Zeit und den Ort des Peßachopfers eine andere Auffassung gibt; er glaube aber, sie auf Grund des Wortlautes der Thora bekämpfen zu müssen. Wir wissen ferner, daß in der Damaskusschrift, die sehr wahrscheinlich nicht viel später als unser Buch abgefaßt wurde, im großen und ganzen der Standpunkt der pharisäischen Halacha vorherrschend ist, was besonders bei den Sabbatvorschriften im Vergleich mit unserem Buche auffällig in die Erscheinung tritt238). Daß unser Verfasser für die genaue Einhaltung der Gesetze eintritt, ist keine besondere pharisäische Eigentümlichkeit. Man braucht nur irgendein karäisches Buch zur Hand zu nehmen, um zu erkennen, daß die Karäer z. B. an Eifer für die Thora, wie sie sie verstehen, in keiner Weise den Rabbaniten nachstehen. Dasselbe gilt auch für andere Sektierer im Verhältnis zu den Pharisäern. Richtig ist es aber auch, daß unser Verfasser kein Sadduzäer war. Abgesehen von seinen theologischen Anschauungen verbieten diese Annahme schon die rigorosen Vorschriften für den Sabbat, die rabbinische Verordnungen enthalten mit der Bestimmung, daß für deren Übertretung die Todesstrafe zu verhängen sei239). Ebensowenig vertritt Verfasser beim Wochenfest den sadduzäischen Standpunkt240). Er war vielmehr ein Sektierer, der unabhängig von der Tradition das Schriftwort erklärte. Daraus erklärt sich sein häufiges Zusammentreffen mit den Karäern. Neben der Thora schöpfte er seine Theorien aus den Schriften des Henoch-Kreises, die dem pharisäischen Kreise fremd waren. Für den Henoch-Kreis hat Moses einen Vorgänger — Henoch — gehabt, der die Thora der Welt vermittelte und aus seinem Aufenthalte im Himmel sonst noch manche Kennt- 36