Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 47.1930
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Bei dem Bestreben, die Geschichte und Entwicklung der Halacha zu erforschen, dem Strom der jüdischen Überlieferung von der Quelle bis zu seinem Einmünden in den Schulchan Aruch zu folgen, sind wir großenteils auf die Untersuchung der rabbinischen Literatur selbst angewiesen. Sobald wir auch nur den leisesten Versuch machen, aus den Erzeugnissen außerrabbinischer Schriftsteller uns Aufschluß über halachische Fragen zu holen, müssen wir die Wahrnehmung machen, daß wir uns auf schlüpfrigen Boden begeben haben, wo nur mit äußerster Behutsamkeit vorgegangen werden kann. So behandeln z. B. Philo und Josephus sehr viele gesetzliche Bestimmungen der Thora, wobei sie sich nicht selten im Widerspruch befinden mit der Halacha, wie sie in der Mischna und in der tannaitischen Literatur niedergelegt ist. Es ist aber zu bedenken, daß Philo zwar jüdisches Gefühl, aber nur wenig jüdisches Wissen hatte, daß er vollständig von griechischem Geiste und griechischer Bildung durchdrungen war, daß Josephus wiederum seine Werke für Nichtjuden schrieb und sein Judentum mit griechischen Anschauungen zu amalgamieren suchte, und andererseits vieles, ebenso wie Philo, nur ausdemSchrif tworteerschlo ß1). Werden diese Umstände in Erwägung gezogen, so können viele halachische Folgerungen, die aus den Werken dieser Schriftsteller gezogen wurden, nicht unbedingte Anerkennung beanspruchen. Anders liegen die Dinge bei den Apokryphen und Pseudepigraphen. Diese wurden zum überwiegenden Teile für Juden verfaßt und einigen von ihnen liegt sogar das Bestreben zugrunde, die Befolgung der jüdischen Gesetze einzuschärfen und den Sinn für Frömmigkeit und Gerechtigkeit zu wecken. Man darf wohl annehmen, daß die Angaben der Apokryphen, die mit der uns bekannten „pharisäischen Halacha" nicht in Einklang zu bringen sind, entweder eine frühere Entwicklungsstufe oder eine andere nichtpharisäische Richtung der Halacha darstellen. Aber auch diese Annahme ist nicht in vollem Umfange aufrecht zu erhalten. Denn auch hier dürfte manche Abweichung von der geltenden Halacha auf das Konto der Unwissen- 3