Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1927
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Jeder Mensch ist ein Kind seiner Zeit, er empfängt von ihr und kämpft mit ihr, so wie das Kind von seinen Eltern empfängt und in gewissem Sinne mit ihnen kämpft, mit ihnen sich auseinandersetzt. Und man könnte den Vergleich noch weiterführen. Wie jedes Kind den Familientypus, die Art der Gemeinschaft des Blutes, aus der heraus es entstanden ist, weiter entwickelt, sie individualisiert, sie zu neuer Besonderheit hinführt, so gestaltet auch der Mensch, wenigstens der, welcher eigene Züge trägt, die Zeit, der er zugehört, weiter fort. Denn das bedeutet doch Entwicklung. Sie ist doch nicht die bloße Linie des Fortgangs, in der dann alles Folgende, in Wertbeziehung zu dem Früheren gesetzt, einen Aufstieg oder einen Abstieg bezeichnen soll. Entwickelung ist vielmehr ein anderes: sie ist die immer neue Akzentuierung des Typus der Zeit, seine immer neue Verpersönlichung durch die Persönlichkeiten, die aus ihr hervorgehen. Wenn wir in dieser Stunde den dankbaren Blick auf das Antlitz von Männern richten, die dazu beitrugen, unserer Wissenschaft vom Judentum die Stätte ihrer <\rbeit zu bereiten, zu erhalten und zu erweitern, wir gedenken ihrer darum wahrhaft, in der wahren Dankbarkeit und Treue, wenn wir ihr Bild mit seinen Zügen als das Bild der Zeit auch vor uns sehen, von der sie empfangen haben, und mit der sie gekämpft, aus der sie geboren waren, und die sie in eigenen Linien dargestellt haben. Die Zeit, der diese Männer angehörten, das neunzehnte Jahrhundert, war, so äußerlich friedlich es zumeist dahinging, eine Zeit der Revolution. Revolution ist etwas anderes als das, was in unserer Gegenwart diesen Namen trug, ein anderes als das Zusammenbrechen und Aufhören eines Alten, an dessen Platz sich dann ein Neues stellt. Was eine Revolution ist, hat am bestimmtesten Ferdinand Lassalle in seiner berühmten Verteidigungsrede vor dem Berliner Kriminalgericht dargelegt: „Eine Revolution ist stets dann eingetreten, wenn, gleichviel ob mit oder ohne Gewalt — auf die 18