Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1922
- Date
- 1922-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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— 4 — Frau Nanny Meyer sein Vermächtnis pietätvoll auf; in jahrzehntelanger, mütterlicher Fürsorge hat sie der Hochschule zur Seite gestanden und sich als treue Helferin in jeglicher Not bewährt. An Stelle des Vaters beteiligte sich der älteste Sohn, Dr. Paul Meyer, an den Vorbereitungen zur Errichtung der Hochschule, 1870 wurde er ins Kuratorium gewählt, dem er seitdem ununterbrochen angehört — ein lebendiger Zeuge des idealen Willens, der die Gründer beseelte. Ihr leitender Gesichtspunkt war die volle Selbstständigkeit und unbedingte Unabhängigkeit der zu schaffenden Anstalt, sie erstrebten eine von allen Schranken und jeglicher Rücksicht freie Stätte der Forschung und Lehre. Darum Hessen sie den damals sehr beliebten Plan einer jüdisch-theologischen Fakultät fallen und verwirklichten den einer Hoc h sc hule. „Der Name einer Hochschule1*, so heisst es in dem ersten Aufruf, den das Kuratorium im Februar 1870 versandte, „ bezeichnet das Niveau der wissenschaftlichen Tätigkeit, welches in Bezug auf die Lehrer wie auf die Schüler den Anforderungen unserer deutschen Universitätein entspricht. Dieses Höhenmasa wäre auch durch den Namen einer jüdisch-theologischen Fakultät zu bezeichnen gewesen. Indessen einerseits reicht der Umfang der Studien, welche auf unserer [Anstalt getrieben werden sollen, über die Grenzen der Theologie hinaus. Die gesamte Wissenschaft des Judentums ist nicht bloss die Wissenschaft seiner Theologie; die Geschichte der Juden z. B. oder die Geschichte der jüdischen Literatur, selbst die semitischen Sprachstudien treten aus dem Rahmen einer theologischen Fakultät heraus. Alle Erzeugnisse und Schicksale des jüdischen Geistes, sein Beruf und seino Entwicklung, seine Berührung und Durchdringung mit dem Geiste anderer Völker, seine Teilnahme an der theoretischen und praktischen Entwicklung des Geistes und seine Stellung in der Geschichte der Menschheit — dies alles wird von der gesamten Wissenschaft des Judentums umfasst, aus den Schätzen seiner eigenen oder fremden Literaturen erforscht und in verschiedenen Disziplinen gelehrt. Andererseits aber wird auf unserer Anstalt manches nicht gelehrt werden, was eine selbständige Fakultät nicht von sich ausschliessen könnte. Denn nicht bloss auf der Höhenstufe der Universität soll unsere Hochschule stehen, sondern in der innigsten Verbindung mit jener die Ausbildung ihrer Studenten