Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2273546-2273601--1484-2275267- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Grössere Stiftungen sind uns im Berichtsjahre nicht zugefallen. Auch die Dr. Bernhard Weiss-Stiftung, über die wir im Vorjahre berichteten, hat uns Erträge noch nicht gebracht, da die Erbschaftsregulierung noch nicht abgeschlossen ist. Die Gustav Oppert-Stiftung, wird wie wir bereits früher mitteilten, wohl noch für Jahrzehnte keine Zinsen für uns abwerfen. Nur dem Steigen der laufenden Einnahmen also und der grösstmöglichen Sparsamkeit, die uns selbst die dringendsten Aufgaben im Berichtsjahre zurückstellen liess, ist es zu danken, wenn wir in diesem Jahre ein Defizit vermeiden konnten. Im kommenden Jahre aber treten Aufgaben an uns heran, die wir nur mit äusserster Selbstbeschränkung bisher nahen hinausschieben können. Von dem weiteren Ausbau der Präparandie haben wir schon berichtet, ebenso von der Neuorganisation unserer Bibliothek. Wir haben eine geringe Erhöhung der Dozenten-Gehälter beschlossen, die mit der allgemeinen Erhöhung der Lebensverhältnisse in keiner Weise Schritt gehalten hatten. Eine weitere Erhöhung der Gehälter, sowie die Schaffung einer Pensions- und Reliktenversorgung ist nicht länger zu umgehen. Daneben müssen wir die Zahl unserer Lehrstühle vermehren; wir müssen uns als unser Ziel stets vor Augen halten, für alle in Betracht kommenden Disziplinen Lehrstühle zu schaffen. Wir sind uns bewusst, dass wir mit solchen Zielen einer Aufgabe dienen, die für das gesamte Judentum von entscheidender Bedeutung ist. Zu einer Zeit, da der Rabbiner durch die Pflichten seines Amtes so in Anspruch genommen wird, dass er — nur ganz wenige ausge* nommen — der jüdischen Wissenschaft nur rezeptiv und durch Verbreitung ihrer Erkenntnisse dienen kann, gilt es, einen neuen jüdischen Gelehrtenstand zu schaffen. Sind wir aber in der Lage, imseren Lehrern eine gesicherte materielle und eine angesehene soziale Stellung zu bieten, können wir einer grösseren Anzahl von Gelehrten die Aussicht auf eine unabhängige Lebensstellung gewähren, so werden sich bei dem allseitig neuerwachenden Interesse für das Judentum in grösserer Zahl junge begabte Männer finden, die die wissenschaftliche Arbeit auf unserem Gebiete als Lebensberuf erwählen. So werden wir uns einen wissenschaftlichen Nachwuchs erziehen können, der uns heute fehlt, und werden unsere Anstalt immer mehr zu der Stätte ausbauen, die der von allen Parteirichtungen unabhängigen vor-