Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1909
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 63)
- Language
- German
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4 - 64 — Oppert war in erster Linie eine Gelehrtennatur: Er fühlte sich nirgends sicherer und wohler als in seiner Studierstube. Ihm war das Glück eines Lebens beschieden, das frei von persönlichen Anfeindungen und Verfolgungen, fern von den Stürmen eines gefahrvollen Lebenskampfes sich abspielte. Wohl hat auch er in seinem Leben manche Schlacht geschlagen und manchen erfolgreichen Sieg davongetragen; aber er betrat den Kampfplatz nur, wenn es galt, gegen die Feinde der Menschenrechte die Waffen zu führen und die Glaubensgenossen gegen unverdiente Augriffe in Schutz zu nehmen. Im grossen und ganzen aber konnte er ein stilles, zurückgezogenes Leben führen, und ein mildes, durchaus freundliches Wesen zeichnete den Gelehrten und den Menschen aus. Er war gefällig und hilfreich gegen jedermann. Nicht leicht erschloss er Fernerstehenden sein Inneres; aber er war herzlichster, innigster Freundschaft fähig für diejenigen, die für ihn das richtige Verständnis besassen und seine Gelehrten-Schüchternheit und Bescheidenheit nicht als innere Unsicherheit ansahen. Die selbstgewahlte Einsamkeit machte ihn nicht etwa verschlossen, sie wirkte auf ihn veredelnd und prägte ihm ein Menschheitsideal in die Seele, das er bei jedem Einzelnen vorauszusetzen geneigt war. Es wohnte eine grosse Seele in diesem bescheidenen anspruchslosen Manne. Seine wirkliche Grösse aber kam mehr in jenen Stunden zur Geltung, in denen er sinnend und denkend in seiner Studierstube sass und seinem Besuch gegenüber nur hier und da ein Wort fallen liess, in dem das Ergebnis langen Nachdenkens und reifer Erfahrung niedergelegt war. In allem, in seinem seelischen Leben wie in seinem äusseren Tun und Lassen, dokumentierte sich der Gelehrte, wenn auch der Gelehrte vom Menschen in Oppert nicht getrennt werden kann. Ihm haftete das Wesen des Gelehrten von frühester Jugend an; unter Gelehrten ist er aufgewachsen, und die Gelehrsamkeit war ein altes Erbteil der Oppert'sehen Familie seit Jahrhunderten. Mit gerechtem Stolz sprach er von seinen Vorfahren, von jenen Gelehrten in seiner Familie, die sich teils in der jüdischen, teils in der allgemeinen Wissenschaft hervorgetan haben. Und in der Tat hatte die Oppert'sche Familie Männer hervorgebracht, die die* grösste'Hochächtung und Anerkennung ihrer Zeit genossen und sich bleibende Verdienste erworben haben. So war einer seiner Vorfahren David Oppenheim, einer der gefeiertsten Rabbiner