Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1909
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 41)
- Language
- German
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— 42 — Der Widerspruch1 ist indessen nur scheinbar, wie jeder vermeintliche Widerspruch zwischen einer menschlichen Sache und der sie vertretenden Person. Nur durch den Menschen empfängt jede Sache, jede Aufgabe der menschlichen, der sittlichen Kultur Gestalt und Gesetz, Leben und Entwicklung. Und auch die Person selbst ist nimmermehr von der Sache abzulösen, für die sie wirkt und ihr Leben lässt. Demgemäss liebt sich auch eine andere Schwierigkeit auf, die hier vorzuliegen scheint. Jeder Mensch, zumal der moderne, ist der Mittelpunkt vielseitiger, oft widerstreitender Kräfte und Richtungen: bildet er eine wahrhafte Einheit des menschlichen Wesens? Das ist die grosse Frage von der Einheit des modernen Bewusstseins. Sie lässt sich nicht andere beantworten, als dass man Person und Sache in innerem Zusammenhang erkennt, und daher in Einheit zu fassen sucht. Freilich ist es das persönliche Gefühl, der anscheinend unkontrollierbare Affekt, also das schlechthin Natürliche und Individuelle, was die Triebkraft des Menschen im letzten Grunde bewegt; nichtsdestoweniger aber sind und bleiben dennoch die Ideen, die den Geist erfüllen, auch die schöpferischen Mächte seines Willens, seiner geistigen, seiner sittlichen Arbeitskraft. Das Verständnis eines Menschen, der in irgend einer Richtung der Kultur gewirkt hat, erfordert ebenso sehr das sympathische Verständnis für die Ideen, denen er sein Leben gewidmet hat, wie für den verborgenen Quell, der sein Herz belebt hat. Die Schwierigkeiten scheinen jedoch in unserem Falle noch nicht erschöpft zu sein. Wenn ein moderner Mensch unverkennbar seine ganze Herzkraft der Religion zugewandt hat, so dünkt es heutzutage manchem, als ob er von vornherein zu einer Zwiespältigkeit, ja zu einer Zweideutigkeit sich verurteilt hätte. Denn es soll doch nicht mehr Mittelalter sein, folglich darf die Religion nicht den wahrhaften Mittelpunkt des modernen Wesens bilden. Und wenn nun gar diese Konzentration in den Seitenweg des Judentums verlockt, so steigert sich der Verdacht der romantischen Unklarheit. Denn welche zentrale Bedeutimg käme noch immer dem Judentum zu, wie man sie freilich dem Christentum ^)der wenigstens dem Protestantismus m geschichtlichem Sinne bereitwillig zuerkennt. Das Judentum aber sei von diesem »• allgemeinen Priestetreich vollkommen aufgesogen. So denkt leider auch mancher unter uns.