Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 93)
- Language
- German
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— 86 — hier zu behandeln; würde bei ihrer Mannigfaltigkeit uns weit über den für diesen Bericht gesteckten Kähmen hinausführen1). Die zahlreichen und widerspruchsvollen Spekulationen über das Jenseits und die Endzeit gehören aber auch mehr den breiten Massen an, die ein Gegengewicht gegen das Unheil des Diesseits suchten, als dem Kern der Pharisäer und den Schriftgelehrten. Von ihnen wurden die bizarren Ausschreitungen der krankhaften Volksphantasie nicht gutgeheissen; sie glaubten an das Fortleben im Jenseits, an die Erlösung durch den Messias, an die Auferstehung-• sie haben ihrem Glauben vielfach in den Gebeten Ausdruck gegeben, aber über das Wie und Wann der Endzeit liebten sie keine Diskussionen. Diese Dinge sind den Menschen verborgen, das Reich Gottes kommt nicht mit äusseren Gebärden, als unerkennbar stellten die offiziellen Kreise des Judentums die letzten Fragen hin. Durch missbräuchliche Auslegung der Bilder des Buches Daniel hatten sich eine Menge von Vorstellungen in der Eschatologie entwickelt, die mit dem Messiasideal der Propheten wenig innere Berührung haben. Die Schriftgelehrten haben sich von diesen nicht völlig freigemacht, aber sie verraten doch eine ganz deutliche Tendenz zur Vergeistigung des Messiasbegriffs. Die Zeit des Erlösers oder der Herrschaft Gottes Gesteht für sie darin, dass Gott einzig ist in der Welt und seine Herrschaft währt für alle Zeiten2). Dieser Glauben ist im Judentum schliesslich siegreich geblieben, den treffendsten Ausdruck fand er durch die Aufnahme des Stückes Alenu in das" tägliche Gebet: Und so leben wir der frohen Zuversicht bald zuschauen, wie deine Macht in ihrer Herrlichkeit sich entfaltet, der Götzendienst von der Erde schwindet, die ganze Welt geleitet wird durch die Weisheit deiner Weltregierung; dass alle Menschen dich anrufen und nahe sei der Tag, an dem der -Herr allein König sein wird über die ganze Erde, er der einzige und sein Namen der eine. ') Öarüber ist zu vgl. Volz, Jüdische Eschatologie von Daniel bis Akiba; Klausner Jos:, Der Messiasbegriff etc. r- 2) Das hat in treffender Weise J. H. Weiss nachgewiesen im m nn wnm I, 228ff.