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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1904-01-01 · 22.1904 · page 16

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
22.1904
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
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IRI
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Ein sehr Avesentlicher Gesichtspunkt ist hier zu heachten. Der Talmud ist keine systematische Theologie; seine häufig kritiklos nehen einander gereihten Aussprüche sind nicht alle gleichwertig; „man muss in dem rabbinischen Schrifttum auch Scherz und Emst, Grundsätzliches und Nebensächliches, Zufälliges und Wesentliches, Uebertreibungen und sachgemässe Urteile, Stimmungen oder Verstimmungen und Doktrinen auseinanderhalten. Nur so kann es überhaupt gelingen, aus der Mannigfaltigkeit die einheitliche Richtung, die wirkliche „Grundstimmung" herauszufinden." Dazu ist Vertrautheit mit dem Geist und Ueberblick über das Ganze des rabbinischen Schrifttums erforderlich; das Einzelne ohne das Ganze zu verstehen, ist trotz der Autorität Wellhausen'sx) auch hier nicht möglich. Ein lehrreiches Beispiel für die Verkehrtheit des Urteils, die daraus folgt, bietet wiederum Schürer. Gesch. II, 486 schreibt er: „Wenn aber vollends auch das Zentrum des religiösen Lebens, das Gebet selbst, in die Fesseln eines starren Mechanismus geschlagen wurde, dann konnte von lebendiger Frömmigkeit kaum mehr die Rede sein. Die beiden Hauptgebete wurden zum Gegenstande kasuistischer Diskussionen gemacht, und ihr Gebrauch damit notwendig zu einem äusserlichen Werkdienst herabgewürdigt". Diese Behauptungen werden nun durch Zitate aus der Mischna belegt, die völlig zutreffen und, wenn sie die einzigen Aeusserungen über die Gebete wären, zu obigem Urteil berechtigten. Der Kundige aber weiss, dass die Mischna kein Lehrbuch der Theologie oder Religionsphilosophie ist, sondern eine Auswahl von Halachot, für deren Aufnahme wir im einzelnen nicht immer die Begründung kennen. Der Kenner zieht z. B. die Tosefta heran und findet dort vor allen kasuistischen Bestimmungen den Satz: nf> nK ps'» ins yo» na mipn, Wer das Schma liest, muss seine Andaeht anspannen (Tos. Ber. II 2 p. 3). Die Mischna setzt diesen Satz voraus; daher kann sie schreiben: ]ia n« wenn er Aufmerksamkeit hatte etc." Das beim Gebet erforderliche Verhalten wurde hauptsächlich in der Agada eingeprägt, vgl. unten und Bacher, Agada der Tannaiten I 102, lOSf., 211, 214, 360, 418. Von den Fesseln des Mechanismus blieben die eigentlichen Gebete auch dadurch befreit, dass sie im Wortlaut nicht festgelegt waren. Neben all diesen geschriebenen Quellen aber und als Korrektiv für sie, namentlich als Korrektiv für die Augenblicksstimmungen wiedergebenden und oft widerspruchsvollen Aeusserungen des Talmud, giebt es eine sehr wichtige ungeschriebene Quelle, d. i. die jüdische Religion, wie sie im Verlauf der Geschichte sich gestaltet und fortgepflanzt hat, und wie sie heute 3) Pharisäer und Sadducäer, 123,

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