Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 12.1894
- Date
- 1894-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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- 12 - Jetzt begann für Z. eine Zeit der drückendsten Existenzsorgen, in der er nur in seinen ■wissenschaftlichen Arbeiten Freude und Erhebung fand.1) Von einer Reise nach Hamburg kehrte er mit „getäuschten" Erwartungen zurück (Siehe oben S. 9. A. 1). Ausser dem kargen Ertrage seiner litterarischen Arbeiten war er für seine Existenz nur noch auf den Privatunterricht angewiesen, den er „von jetzt an nicht nur in der deutschen Grammatik und dem deutschen Style, sondern auch in der hebräischen, chaldäischen, rabbinischen und lateinischen Sprache, sowie in sämmtlichen rein-mathematischen Wissenschaften (Arithmetik, Geometrie, Algebra, Differenzjal- und Integral - Rechnung u. s. w.)" zu erteilen in einer Zeitungs- Ankündigung sich bereit erklärte. Bezeichnend für die Bedrängnis, in der er sich befand, ist nicht nur der untenstehende Brief an J. A. Muhr2) vom 26. Januar 1823, sondern auch der Umstand, dass er sich genötigt sah, hervorragenden Mitgliedern der Gemeinde je ein Exemplar seiner eben veröffentlichten Predigtsammlung zuzusenden, was ihm aber nur von D. J. Riess 4 L. d. or einbrachte, während die anderen „höchstens dankten". Endlich mögen hierfür noch folgende Notizen aus seinem Tagebuche beigebracht werden. Zum 17. Juni 1823 heisst es daselbst: „Der grüne Oberrock (vom Sommer 1819) gewandt", und zum 20. November: „Ich schenke Adelheid eine Toilette (3 Thlr.), grosser und seltener Luxus!" Die böse Zeit nahm indessen bald ein Ende. Am 22. December stellte ihn der Buchhändler Spener als Redacteur an seiner Zeitung an, sodass er vom 1. Januar 18243) wieder eine feste Stellung hatte, in der er acht Jahre, bis ult. December 1831 verblieb. Manchen andern hätte eine Stellung, wie sie Z. in der Redaction der Haude- und . Spener'schen Zeitung angetreten, vollständig in Anspruch genommen, oder die Beschäftigung mit der Politik, so eng ihr auch noch damals die Grenzen gezogen waren, hätte ihm den Blick abgelenkt von dem wenig erfreulichen Leben der Glaubensgemeinde. Nicht also Zunz. Diese acht Jahre waren nicht nur für seine Lieblingswissenschaft gesegnet4), sondern auch für seine Einflussnahme auf die Hebung der Kultur seiner Glaubensgenossen nicht verloren. Schon 1823 hatte er ein in Bendavid's „Vierzehnte Nachricht von dem Zustande der jüd. Freischule in Berlin" (Gesam. Schrift. H, 221) veröffentlichtes Sendschreiben an die Mitglieder der jüdischen Gemeinde gerichtet , worin er den jammervollen Zustand der 1778 errichteten Freischule, sowie die unzulänglichen Mittel der von dem Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden begründeten Unterrichtsanstalt darlegte. Er hatte es ebenso offen wie entschieden als der Berliner Gemeinde nicht würdig bezeichnet , dass gerade die angemessene Erziehung der Jugend der Privatunternehmung anheimgegeben, oder im besten Falle für eine Sache der öffentlichen Mildthätigkeit angesehen werde, anstatt sie zu einer der wichtigsten Aufgaben der Gemeinde zu erheben. Durch dieses Sendschreiben war für den Augenblick wenigstens soviel erreicht, dass die Frage der Gründung einer Gerne in deschule zur Discussion gebracht wurde und nicht eher von der Tagesordnung verschwand, als sie ihre Lösung gefunden hatte. Glücklicher Weise sah sich ein Jahr später auch der Magistrat von Berlin in Folge der allgemeinen Schulmisere veranlasst, eine Schulkonimission zur Hebung des Berliner Schulwesens aus seiner Mitte zu entsenden, üi welche auch ein Mit- J) November 1822 erschien seiu „ Rasch i". 2) Da Ew. Wohlgeboren mir bereits den 26. Januar 1821 tür eine bewusste Verbindlichkeit [Z. hatte die Tochter Muhr's getraut] zwei Friedrichsd'or, oder ein von mir frei gewähltes passendes Acquivalent zugesagt — diese Zusage aber trotz einer von mir geschehenen Erinnerung bis dato nicht erfüllt haben: so muss ich Sie bitten, mir vor Ablaut dieses Monats Genüge zu leisten, damit ich durch Ihre Schuld zu keinen unangenehmen Maassregeln genöthigt werde. Mit gebührender Hochachtung. 3) Nicht 1823 und nicht neun Jahre wie L. Geiger a. a. 0. S. 237 schreibt. 4) In diesen Jahren vollendete er sein Hauptwerk „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden", zu dessen Abfassung er sich erst im August 1829 entechloss, und er begann mit den Vorarbeiten zu seinen anderen grösseren Werken.