Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1.1874
- Date
- 1874-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
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19 Das Bestehen und die Entwickelung des Judenthums ist seit Jahrtausenden mit der Pflege seiner Wissenschaft aufs Innigste verbunden. Seit längerer Zeit nun sind die alten Stätten jüdischer Gelehrsamkeit verwaist, verwaist von Lehrern wie von Schülern; zugleich sind ihre einseitigen Bestrebungen und Methoden veraltet. Inzwischen ist sie selbst nicht stehen geblieben; neben allen anderen und in Wechselwirkung mit ihnen ist die Wissenschaft des Judenthums rüstig fortgeschritten, einzig und allein durch die edle Bemühung Einzelner, welche einsam und aufopfernd gearbeitet haben. Für das ganze Vaterland, für Deutschland, existirt, aus milder Stiftung mit fest begrenztem Zweck hervorgegangen, nur eine wissenschaftliche Anstalt, das Rabbinerseminar zu Breslau. Umfang und Streben desselben verringern den Wunsch nicht, in der Hauptstadt eine Lehranstalt zu begründen, in welcher ebenfalls der künftige Rabbiner und Prediger ausgebildet, zugleich aber im weitesten Sinne Alles gethan werde, um das Wissen des Judenthums zu pflegen, zu fördern und zu verbreiten. Der Staat hat unserer Wissenschaft bisher noch keine Beachtung gezollt; sie ist auf den Hochschulen nicht vertreten, mit Ausnahme einzelner Fächer, welche gleichsam zufällig als Theile anderer Disciplinen betrieben werden (semitische Sprachen, Bibelexegese); andere und die wichtigsten Theile, wie Geschichte der Juden, ihrer Cultur und Litteratar, Religionsphilosophie u. s. w. bleiben:.:fern.;: , l Es ist daher die Aufgabe der Anhänger des Judenthums und der Freunde seiner Wissenschaft, dieser eine Stätte zu bereiten, an welcher sie gesichert, geordnet und unabhängig gelehrt und gemehrt werden kann. Dem jüdischen Geiste galt von jeher Liebe und Pflege der Wissenschaft als das höchste Gut und das höchste Gebot; wahres Wissen aber wird nur durch freie Forschung gefunden. — Es geschieht darum zugleich dem höchsten conservativen Interesse ein Genüge, wenn wir eine Anstalt schaffen, in welcher pietätsvoller Fleiss und wahrheitsdurstige Freiheit danach ringen sollen, das Wissen des Judenthums als seinen edelsten Kern zu erhalten und zu erheben. Berlin, im November 1867. Längere Krankheit des Herrn Meyer und der am 16. Februar 1869 erfolgte Tod desselben haben die Förderung der Angelegenheit verhindert, bis im Frühjahr 1869 der Sohn desselben, Herr Dr. Paul Meyer, in die Stelle seines seligen Vaters zur Berathung und Begründung der Hochschule eingetreten ist. Ein neuer Aufruf ähnlichen Inhalts wurde von den Herren Prof. Lazarus, Commerzienrath B. Liebermann, Dr. Paul Meyer, Dr. S. Neumann und Prof. Dr. H. Steinthal im Mai 1869 erlassen und ein vorläufiger Gründungs- und Lehrplan entworfen. Am 26.;December 1869 und 5. Januar 1870 haben sodann zu Berlin auf Einladung der genannten Herren zwei Versammlungen stattgefunden, in denen die Errichtung der Hochschule, sowie die Begründung eines Vereines für dieselbe berathen und das nachfolgende Statut desselben beschlossen und angenommen worden ist.