Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1933-01-01 · Heft 1 (Januar 1933) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1933
Issue
Heft 1 (Januar 1933)
Date
1933-01-01
Page
Seite 2 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2268830-2268986-2268987--4388-2273155
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2 K. C. «Blätter dem er seinen Nachruf schloß: „Das jetzt zu Ende gehende Jahr ist für unseren Verband ein Anglücksjahr" bewahrheitet sich in tragischer Weise im Hinblick auf ihn selber. Wieder ist ein Kämpfer aus der alten Viadrinengarde dahingegangen. Keguie8ca1 in paee! Amschau. Die Vorgänge im Braunschwriger Hochschulkonflikt waren zwar . eine schwere Erschütterung der Staatsraison, zugleich aber ein treffliches Spiegelbild nationals ozialistischer Rechtsauffassungen. Von jeher haben die Nationalsozialisten den Rassegedanken über den Staatsgedanken gestellt (erst kürzlich bestätigte es der nationalsozialistische Negierungsrat Fabricius auf einem Berliner staatspolitischen Ausspracheabend). Heber allem aber steht ihnen der Parteigedanke; das hat der Braunschweiger Hochschulkonflikt klar erwiesen. Die Vorfälle, im einzelnen aus der Tagespresse bekannt, seien kurz ins Gedächtnis zurückgerufen. Der Braunschweiger Rektor verbot sämtlichen parteipolitischen Organisationen das Chargieren bei offiziellen Universitätsfeiern. Der nationalsozialistische Kultusminister Klagges aber erlaubte es ausschließlich für seine Parteigenossen. Gegen drei Studierende wurde das Disziplinarverfahren beschlossen. Der Minister unterband das Verfahren, denn es handelte sich um seine Parteifreunde. Der Nationalsozialistische Studentenbund mußte wegen fortgesetzter Angehörigkeiten aufgelöst werden. Minister Klagges machte unverzüglich die Auflösung rückgängig. Sein Vorgehen hat nicht nur innerhalb der nichthakenkreuzlerischen Studentenschaft Empörung geweckt, auch die in Halle versammelten Aniversitätsrektoren haben sich einmütig gegen seine Parteiwillkür erklärt. Die Braunschweiger Studentenschaft hat sich mit 219 gegen 184 Stimmen bei 14 Enthaltungen ebenfalls gegen die Willkür des Parteiministers ausgesprochen. Schließlich hat der Diktator im Landtage einen kläglichen Rückzug angetreten. Sein Verholten aber hat sonnenklar erwiesen, daß der Parteiegoismus über Recht und Vernunft geht. Das möae sich die Studentenschaft, die mit den Nationalsozialisten oft genug sympathisiert, zur genauen Kenntnis nehmen. Hier hat sie ein lehrreiches Musterbeispiel erhalten, wie die akademische Freiheit im Drillen Reich aussehen würde. Oft genug haben deutsche Studenten heutzutage im Namen einer falsch verstandenen akademischen Freiheit ihren Iugendmut in Hochschultumülten ausgetobt. Herr Minister Klagges wird ihnen einen ganz neuen Begriff dieser „Freiheit" beigebracht haben. Einen Parallelfall hierzu bildeten die Vorgänge in Rostock. Hier wagten unter dem Zepter einer nationalsozialistischen Landesregierung die Hakenkreuzstudenten sich mit ihren Asta-Anträgen schon bis ans Ziel ihrer Parteiwünsche vor. Die nationalsozialistische Astamehrheit hatte nichts Geringeres als die Einführung eines nationalsozialistischen Studentenrechts beantragt. Als oberster Leiter der Studentenschaft sollte danach ein (nationalsozialistischer) „Führer" fungieren, der über das gesamte studentische Einzel- und Verbandsleben entscheiden sollte. Ihm sollte im Zusammenwirken mit einem von ihm berufenen Ausschuß sogar das Recht der Verweisung von der Universität zustehen, auch bei der Bestellung der Dozenten sollte er mitzureden haben. Der tzaupteffekt dieser Neugestaltung war natürlich der, daß keine Juden mehr in Rostock studieren dürften. Die Nationalsozialisten glaubten, daß unter den Fittichen einer Parteiregierung die Durchsetzung dieser Pläne ein Kinderspiel sein würde. Sie wollten daher auch die inzwischen fällig gewordenen Astawahlen unter den Tisch fallen lassen, weil nach ihren Plänen das Wählen überhaupt nicht mehr angebracht erschien. Nun hat ihnen freilich die eigene parteigenössische Negierung einen Strich durch die Rechnung gemacht, und, die Neuwahl des Asta angeordnet. Vermutlich ist ihr, insbesondere nach dem Debacle des Herrn Klagges, der Mut zu allzu großen Kühnheiten vergangen. Man wird gespannt sein müssen, wie die Rostocker Studentenschaft auf die Diktaturpläne der Nazis reagiert. Vielleicht zeigt sich die im Reich allgemein beobachtete fallende Tendenz der Hitlerkurve, die auch bei einigen Studentenwahlen schon hervorgetreten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.