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KC-Blätter · 1929-03-01 · Heft 2 (März 1929) · p. Seite 32

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Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 2 (März 1929)
Date
1929-03-01
Page
Seite 32 (sequence 26)
Language
German
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32 Wie es praktisch um die politische Reife der Studentenschaft bestellt ist, das zeigt schlaglichtartig ein Artikel der „Bayerischen Lochschulzeitung" vom 13. Juni 1929, in dem berichtet wird, daß von 8000 Studierenden in München nur — 14 eine Vorlesung belegt hätten, die über die deutschen Reparationszahlungen unterrichten wollte. Von diesen 14 Mann soll zum Schluß des Wintersemesters nur noch ein einziger übrig geblieben sein. Gibt es einen besseren Beweis, daß politisches Verständnis, ja auch nur der Wille zu politischer Schulung, gerade denen mangelt, die am ehesten mit politischen Phrasen um sich werfen? Wie sehr die politische Reife manch einem fehlt, der sie im hohen Grade zu besitzen glaubt, lehren die Auslassungen eines gewissen Lerrn Führer (Wien) in Folge 14 der „Deutschen Akademiker-Zeitung". Der Verfasser behauptet, daß zwischen „Volk" und „Staat" ein begrifflicher Unterschied bestände. Ein Staat sei oft vorhanden, wo das Volk noch fehle — zum Beispiel gäbe es kein belgisches Volk —; und Staats bürger sein, heiße noch lange nicht, Volks bürger sein. Der Jude nämlich, der „besonders freiwillig die deutsche Staatsangehörigkeit erworben hat" — sei er deshalb etwa ein Deutscher? O doch, Lerr Führer! Nicht zum letzten darum, weil er eher begriffen hat, daß ein Staat, der nicht durch die kulturelle Bindung der Volksgesamtheit zusammengehalten wird, blutleer und leblos wäre. Viel Scharfsinn wendet der Artikelschreiber darauf, die Weimarer Verfassung als Verfassung des Staates, aber nicht des Volkes hinzustellen. Daß für diesen Zwangsakt wieder einmal der Jude den Rücken Hinhalten soll, ist in solchem Zusammenhänge nichts Neues. Die Kreise, denen die Treue des Juden zum deutschen Staat (und zum deutschen Volk!) im Innersten zuwider ist, regen sich auch sonst allenthalben in der Studentenschaft. Zn Folge 16 der „Deutschen Akademiker-Zeitung" wird das Wartburgfest, das die republikanischen Studenten zu Pfingsten begingen, mit hämischer Sauertöpfigkeit glossiert. Man habe nicht die frischen Gesichter der Burschenschafter, dafür aber zumeist „krumme Nasen und lockiges Laar" gesehen. Wir glauben, daß im tiefsten Grunde die „Deutsche Akademiker-Zeitung"sich beschämtfühlt durch ihre jüdischen Mitbürger, die ein freudigeres und populäreres Bekenntnis zum Staat abgelegt haben, als sie selber es vermag. Die Frische, die sie auf den Gesichtern nicht hat sehen wollen, auch sie war vorhanden; vor allem saß sie, und das ist das Wesentlichste, hinter den Stirnen, was man nicht von allen Kommilitonen stets behaupten kann. Am diese Frische des Geistes bemüht sich ein Aufsatz von vr. Stachelhaus in der Monatsschrift des N. S. C. Die Erneuerung des deutschen Verbindungswesen ist es, die ihm am Lerzen liegt. Einpassung an die Forderungen der Zeit, Erkennung der aktuellen Gegebenheiten ist die Losung des Tages. Der Autor will an Stelle des gedrillten Fuxen den persönlichkeitsstarken Staatsbürger sehen. Freilich verlangt er Gehorsam, aber nicht Kadavere gehorsam, sondern die Disziplin, die der Verständigdem Verständigen leistet. Bemerkenswert ist seine These, daß Sport und Fechten nicht um ihrer selbst willen da seien, sondern ein Mittel zur Leranbildung des verantwortungsbewußten Staatsbürgers sind. Zhre Betätigungsart muß also aus der Erkennung ihrer Zweckbestimmung ihre natürliche Regulierung gewinnen. Seine Ausführungen sind nicht ganz frei von der militaristischen Ideologie, die auf jeden Fall einen Ersatz für die verloren gegangene Wehrpflicht sucht. Sie lassen aber erkennen, daß man auch im Lager der Korpsstudenten beginnt, über Sinn und Wesen althergebrachter Lebensformen nachzudenken. Zum Schluß sei noch eine Stimme zitiert, die das ewige Frondieren der nationalistischen Studenten gegen den Staat vom Standpunkt der Linken aus beurteilt. Leopold Schwarzschild schreibt im „Tagebuch": „Wir wollen nicht leugnen, daß sich viele der jungen Lerren subjektiv in brennenden Idealismus hineingeredet haben. Aber die tiefsten psychologischen Arsachen scheinen uns doch andere, sie sind wahrscheinlich einfach Brotangst, — und hier schließt sich der sichtbare wissenschaftliche Rückgang und die politische Aufsässigkeit zu einem logischen Ring. In der Welt des Nachkriegs sind lausend Aemter, die früher den Studenten Vorbehalten waren, auch von andern Schichten okkupiert. Auf der anderen Seite haben sich tausende, die früher in nicht akademische Karrieren abströmten — man denke nur an das große Offizierkorps — ins Reservoire der Aniversitäten ergossen. Ergebnis: statt rund 55 000 deutscher Studenten im größeren Deutschland des Jahres 1913 haben wir im kleineren heute 70000. Ist es erstaunlich, daß die Auslese schlechter wurde und daß eine furchtbare Lebensangst grassiert? Die Angst, die man in richtiger Selbsteinschätzung vor dem Berufsleben hat, wird durch fiebrige politische Aktivität überkompensiert. And die tatsächlich schlechten Zukunftsaussichten reißen auch materiell zum Laß wider ein System, das nicht alle Aemter den Akademikern reserviert." Schwarzschild verschiebt das Problem damit auf das wirtschaftliche Gleise; ein Standpunkt, den wir gerade hinsichtlich der Studentenschaft bereits an anderer Stelle ablehnen wollten. Da aber dieser Rundblick nicht die tiefgehende Durcharbeitung der erschauten Probleme zum Zweck hat, sondern nur ihre Anregung, so wollen wir es einstweilen auf sich beruhen lassen, in welchem Maße Schwarzschilds Erklärungsversuch das Richtige trifft. Wir wollen nur noch bemerken, daß die politische Aufsässigkeit der nationalistischen Studenten sicherlich nicht als reine Magenfrage behandelt werden kann. Politische Schulung und ernsthafte Aufkärung wirkte ganz bestimmt viel Gutes. R. L. Verantwortlicher Redakteur: vr. Hermann Berlak, Berlin. - Verlag:'PhUo-Verlag Berlin SW 68, Lindenstratze 13. Druck: D. Feilchenfvld. Berlin SW 68

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