KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 1 (Januar 1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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2 und Umwelt, Ererbtem und Erworbenem auf uns wirken. Hier um Bewußtmachung und Klärung sich mühen, gehört sicherlich zu den edelsten Aufgaben, die man dem deutschen Juden, zumal dem deutschjüdischen Akademiker, zuweisen kann. Aus der Stellung der deutschen Juden — wie sie in jedem Sinne darstellt — muß abg elei tet werden, was für uns die zeitlose Formel bedeutet. Nur so kann die Zielsetzung aus gegebenen Voraussetzungen aufgebaut und in der Wirklichkeit verankert werden. „All unser Tun hat etwas Seherisches, denn jeder Schrittträgt in die Zukunft. Glauben wir aber an das Vorschauende im Menschen, so laßt uns recht daran glauben. Schließen wir uns im guten Willen zusammen, so wird dem gemeinsamen Schauen das Trügerische zerrinnen, das Rechte sich verklären; Bedingung ist, daß der Fuß nie den Boden, das Auge die Gestirne nie verliere." (Rathenau: Von kommenden Dingen.) Die Gestirne, an denen der jüdische Idealismus sich orientiert, sind dieselben, die ihn seit Jahrtausenden begleiten: die alten Forderungen nach einem Leben der Gerechtigkeit und Güte unter den Menschen, der persönlichen und der sozialen; nach einem Leben der Weihe und Würde; nach dem, was mein verehrter Lehrer in diesen Tagen das „Herabziehenwollen des Himmels auf die Erde" nannte. Schließlich aber das, was dem Ganzen erst Form, Härte und Festigkeit gibt: die Fassung dieser Forderungen in ein Gesetz! Das Unromantische im Judentum findet auch hier seinen Ausdruck, die uralte Erfahrung mitsund an den Menschen, die die Verwirklichung des als recht' Erkannten nicht dem guten Willen des einzelnen, seiner Ueberzeugbarkeit und seiner Fähigkeit, die Ueberzeugung auch durchzusetzen, überläßt, sondern durch Macht erzwingen will. Die ethischen Forderungen des Judentums sind heute Gemeingut der Kulturwelt. Was aber verlangt werden muß, das ist: daß diese Forderungen zu allen Zeiten von uns Juden traditionsbewußt nicht nur theoretisch vertreten, sondern im Rahmen des Möglichen praktisch verwirklicht werden! Nur dadurch kann das Vätererbe besessen werden, daß man's erwirbt und sichs zu eigen macht. Kurz: daß das Judentum in uns Juden seine besten Kämpfer und Träger findet! Jsts überspannter Idealismus? Phantasterei? — Wahrlich nicht! Sondern: Traditionsgefühl, Konservativismus. — Nun über der Boden, den der Fuß nie verlieren f«oII I Wir deutschen Juden stehen dem deutschen Volkscharakter als einer gegebenen Größe gegenüber. Damit ist sehr viel gesagt; unb es ist so übel nicht, wenn beispielsweise für die Sphäre der Politik dem Gedanken Ausdruck gegeben wurde: Disraeli, Rathenau, Trotzki: die Reihe sei ein Symbol für die jüdischen Möglichkeiten, aber auch für die zwangsläufigen Verhältniffe und Entwicklungen in Europa, von Westen nach Osten gegangen. (Uebrigens: auch ein Beweis, wie konservativ im besten Sinne der Jude sein kann, wenn mans ihm nur — erlaubt. Wenn unsere Konservativen ahnten, daß die Friedrich Julius Stahls dutzendweise zu finden sind, und welchen wertvollen, Bundesgenossen sie in die Opposition getrieben haben!) Die Linie, die oben von Westen nach Osten - gezogen wurde, weist uns deutschen Juden eine Mittelstellung zu, die ein genaues Abbild der geographischen ist. Weiter: die idealen Forderungen des Judentums sind nur im Grundsatz unwandelbar. Sie in einer Zeit gestalten kann man aber nur, wenn man von ihr ausgeht. Huldigt man also dem einzigen auf die Dauer möglichen Konservatismus, nämlich dem fortschrittlichen, dann folgt daraus die radikale Anpassung der zeitlosen Grundstimmung an die Gegenwart, ihre Menschen und Verhältnisse. Romantisch bewegte Gruppen tragen ihre Werte in sich; Wirkungsmöglichkeit über sich selbst hinaus dagegen — und darauf kommt es in diesem Zusammenhang an — wird ihnen versagt bleiben. Im übrigen altern sie rasch und fällen von selbst auseinander. Nur wer mit' souveräner Meisterschaft das Instrument des zeitgenössischen politischen und wirtschaftlichen Lebens spielt, kann hier Führer sein: ein Stück sozialer Gerechtigkeit in einem Konzern verwirklicht, wiegt Dutzende ergrübelter Bücher und pathetischer Festreden aus! Idealismus der Realität? — Ja! Oder haben Sie Bedenken, Herr Kartellbruder? . . . lieber diese Dinge sollten wir lange und eindringlich Nachdenken. Und nur das haben ja diese Zeilen im Auge, die nichts weiter wollen als anregen. Es sind Motive nur und Fragmente; sie verschweigen mehr als sie sagen; sie schlagen eine Saite an und hoffen, doch eine Sonate erklinge, hell und klar, und doch wieder voll herber dunkler Süßigkeit .....