KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Das öegenwartsbilö der Deuffdien Stubentenfcbaft und der R. C. Me Aufgabe, das Bild einer so ausgedehnte,! Personengesamtheit wie der Deutschen Studentenschaft zu entwerfen, kann man auf zwei Wegen lösen: man kann auf Grund der erschöpfenden Kenntnis der gesamten sachlich und örtlich belangvollen Tatsachen das Bild aus unzähligen Einzelzügen zusammenstellen in dem Bestreben, gerade auch in den Einzelheiten einen möglichst objektiv wahren Eindruck zu vermitteln, und man kann aus dem Erleben eiyzelner, besonders charakteristischer Verhältnisse und Situationen durch deren geistiges Verwerten sich selbst einen Gesamteindruck schaffen und diesen in Worte kleiden. Hier solider zweite Weg eingescUagen werden: zugrundegelegt werden die persönlichen Eindrücke, die der Verfasser dieser Zeilen besonders während seiner Tätigkeit in den Studentenausschüssen von Heidelberg und Berlin Oktober 1919—September 1920 und auf den Studentenlagen in Dresden und Göttingen gehabt hat. .Allerdings finden diese persönlichen Eindrücke Unterlage und Halt an dem wertvollen Material, das dm Berichten der einzelnen Kartellverbindungen und eingehenden Schilderungen einzelner Kartelbrüder zu entnehmen war; aber die Einstellung zum Stoff bleibt eine subjektive; das muß zur Klärung vorausgeschickt werden. Ferner kann das Bild nicht auf Vollständigkeit Anspruch erheben. So soll hier z. B. nicht die besondere Entwicklung des Waffenstudententums in der Nachkriegszeit und des Verhältnisses des K. C. zu diesem geschildert werden. Natürlich muß es gewürdigt werden, als hervorragend bedeutendes ElenlMt der Gesamtstudentenschaft, aber eben nur als Element der Gesa ui t st u d e n t e n - schaft von 1918—1920, die selbst als solche Mittelpunkt des Bildes ist. Da erhebt sich zunächst die Frage: gibt es überhaupt eine solche Gesamtstudentenschaft? Ist die Deutsche Studmtenschaft mehr als ein bloß terminologischer Begriff, ein Gesamtwort, das keinen selbständigen Inhalt hat und nichts weiter bezeichnet, wie die Mehrheit der einzelnen deutschm Studentm? Diese Frage muß bejaht werden. Die Deutsche Studmtenschaft,' die nach ruhmvoller Vergangmheit in den Jahren des Ersehnens der Reichsgründung im glücklich gegründeten Reich entschlummert war und sich in den letzten Jahrzehnten des Kaiserreichs als Einheit nur noch bei Fackelzügen und ähnlichen imposanten Gelegenheiten fühlte, ist als - mittelbare, Folge der Revolution wieder entstanden. Sie ist entstanden als rechtliche Einheit durch die Schaffung des „SLudentenrechts", d. h. durch öff.-rechtliche Anerkennung ihrer einzelnmOrganisationm und ihrer- Verfassung in Verordnungen der einzelstaatlichen Regierungen, besonders Preußens; sie ist entstanden als kulturelle Gemeinschaft, als Deutsche Studentenschaft 'auch - dem Namen , nach, die als besondere Gesamtvrganisation auf den Studententagen alle Studentenschaften Deutschlands, Deutschösterreichs und Deutschböhmens umfaßt?) und sie lebt — geradedas ist das entscheidende. — im Herzen und -im tätig sich auswirkenden Willen ihrer führenden Köpfe. F)b sie eine Zukunft haben wird, ist eine andere Frage und hängt letzten Endes mit' der Entwicklung zusammen, die das politische Geistesleben in Deutschland überhaupt nimmt; sie ist jedenfalls Gegenwart, daher ist es für uns'notwendig, uns über ihre äußere Entwicklung in den letzten Jahren, ihre innere Struktur und über die Stellung, die der K. C. in ihr eingmommen hat, sowie über den Weg, der hierin die Zukunft weist, klar zu werden. Betrachten wir zunächst die äußere Entwicklung in der deutschen Studentenschaft seit Kriegsende, so lassen sich drei verschiedene Periodejn. unterscheiden. Die erste — die angegebenen Zeiten sind nach dem oben Gesagten natürlich stets cum grano salis zu nehmen — reichl ungefähr, von November 1918 bis Anfang 1919. Sie wird charakterisiert durch die gewaltsamen Nachwehm der Novemberrevolution, die^ so wie sie Deutschland nicht zur Ruhe kommen ließen, auch an den Universitäten jede Selbstbesinnung,-die die Grundlage einer innerlich fundierten Bewegung ist, hinderten: all zu sehr nahm die rem, 'Physische Abwehr der drohenden Anarchie, die Studenten in Bann. .Allerdings war von vornherein klar, daß die Studentenschaft in ihrer überwiegenden Mehrheit zu den erbitterten Feinden der Revolution gehörte. War also schon der vorherrschende reaktionäre Zug unter den Studentm deutlich erkmnbar,. so blieben doch in ihr die politischen und rassischen Gegensätze und somit auch die antisemitische Agitation noch im allgemeinen latent. Auch das war eine Folge des Umstandes, daß man sich unter dem Druck der von außen eindringendm Gefahren der nüanzierteren Gegensätze nicht bewußt wurde. Man schloß. sich gegen die äußeren Gefahren zusammen und nahm jeden gern, der helfen wollte. Damals war auch der jüdische Student in den Zeitfreiwilligenbataillonen und ähnlichen studentisch-militärischen Formationen willkommen. Meses Hilfs- und Zusammenschlußbedürfnis äußerte sich aber weiter auch in einem gewaltigen Drang nach Anschlußfinden Y Datz allerdings vorläufig die sogenannte Studentenschaften Deutschösterreichs nichts anderes find, als widerrechtlich und willkürlich zusammengesetzte Antisemitenkliqum, kann unerörtert bleiben, zumal da hier die Entwicklung noch im Fluß ist. I