KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 9-10 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 94 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Aas Getriebe Jbec Gedanken mechanisch wie ein 'Uhrwerk ab. Jahrtausendelange Gewohnheit des .Menschengeschlechts hat ein gewisses Maß von Denktätigkeit bei jedem erzeugt, das sich auf ererbten Spulen auf- und abwindet, ohne je einen neuen Sprung zu wagen. Das Denken ist ebensogut erlernbar, wie jede körperliche Arbeit- und das Denken ohne Geist geht meist öliger und geschwinder ab als das mit Geist. Bei dieser Art von, ich möchte fast sagen, gedankenlosem i Denken fallen besonders die unmittelbaren Beziehungen .lauf die eigene Person auf, von denen aus aber Denkakrobaten.weitergehen bis zur wissenschaftlichen Behandlung der Erscheinungen. Das enge AnÜammern an Begriffe ist hier ein charakteristisches Merkmal. Die Begriffe ersetzen hier lebendige Anschauung und Einfühlung,, was sie in Wirklichkeit nicht tun. Es wird von solchen Leuten mit unendlichem Eifer Material gesammelt, alles lregt in einer gewissen Ordnung vor uns; aber es sind nur rasch! in die Augen springende, und häufig unzutreffende Ähnlichkeiten, die für diese Ordnung maßgebend sind. Diese Pseudowissenschaft war stets und ist auch heute noch in der Majorität, und Goethe verspottet sie treffend in den denkwürdigen Versen: „Werwill was Lebendiges erkennen und beschreiben. Sucht erst den G!eist herauszutreiben. Dann hat er die Teile in.seiner Hand, Fehlt, leider, nur das geistige Band. - Encheiresin natufae nennt's die Chemie, Spottet ihrer selbst und weiß nicht wie." v Dahingegen vermittelt' der Geist eine Zusammenfassung der Erscheinungen, die auch das scheinbar Fernstliegende als zusammengehörig erkennt. Ein Beispiel hierfür ist der Witz, den wir am geistvollsten finden, wenn er die schärfsten Kontraste verbindet und in ihnen das Gemeinsame aufzeigt. Dadurch, daß er gleichzeitig das Widersinnige neben dem Gemeinsamen bloßlegt, heißt dieses Spiel.des Geistes Diese Zusammenfassung durch den Geist geht weiter ^zu. einer scharfen Durchleuchtung der Erscheinungen, die wie im hellen Schlaglicht eines Scheinwerfers aneinandergereiht sind. Herausgehvben aus der Kette der Bindungen, die ihre reine Anschauung trübt, erstehen sie nun in ihrer. Wesensart und den Gesetzen gehorchend, die, allwirksam, hier in ihrer Sonderheit wirken. Auch hier dürfte ein Beispiel das Gesagte verdeutlichen. Jeder wird sich entsinnen, daß er ein- und dieselbe Geschichte von verschiedenen Personen erzählen hörte. Einmal erschien sie ihm höchst langweilig. Ein andermal fesselte ihn die Geschichte überaus, und jeder Vorgang wurde ihm ganz lebendig. Der < gute Erzähler hatte eben jene reine hingebende Anschauung, die allein Bildhaftigkeit und Leuchtkraft erzeugt. Für dsese Behauptung stehen in der Literatur und Kunst ungezählte Beispiele zur Verfügung. Manches . berühmte Werk behandelttscheinbar recht triviale . Dinge. Nehmen wir, um irgend eines* heräuszugreifen, Hebbels „Maria Magdalena". .Es handelt von einem Mädchen, das betrogen wird und sich am Ende das Leben nimmt. So etwas wird oft berichtet, ohne uns mehr' einzuflößen als schnell verfliegendes Mitleid. Ich entsinne mich, daß ein ähnliche Fall auch in Bloems „Krassen Fuxen" mitgeteilt wird. Wie albern . klingt er da! Aber' Hebbel hatte die hingehende Anschauung, die ganz im Gegenstände aufgeht, ihn aus der Reihe der alltäglichen Bindungen löst und ihn in.ein? Gestaltung hebt, in der seine Gesetze ganz rein und deutlich gelten. Und ähnliches weist sich! in der bildenden Kunst aus. Ein weinender Alter, eine stille Frau, ein lächelndes Kind: es sind Erscheinungen, an denen wir jeden Tag achtlos vorübergehen. Aber der Geist des . Künstlers schafft aus diesen Nichtigkeiten Werke von höchster Bedeutung, vor denen wir in tiefem Banne stehen.' Wir haben schon einen wesentlichen Punkt der Geistigkeit gestreift: die Hingabe. Es ist nur einem Geistigen möglich, sich mit den Dingen um ihrer selbst willen zu beschäftigen, weil sie nur für ihn losgelöst aus dett großen Kausalitätsreihe Bedeutung haben. Der Geistige wird nicht um Gewinn noch aus Gründen der Eitelkeit handeln, weil sein Selbst in der Anschauung zurückttitt. Das schließt-nicht aus, daß er stolz auf seine Kraft ist, wie von manchem großen Manne berichtet wird. Nie aber wird seinen Mund ein selbstgefälliges Lächeln -umspielen, wie es mancher Philistermund zeigt, wenn, er einen Aphorismus von sich läßt, der leer ist wie eine taube Nuß. Des Geistigen Stolz wird immer relativ seinnämlich in Hinblick auf däs Minderwertige, das. ihm gerechte Ansprüche zu verkleinern trachtet. Sonst aber ist sein Wesen Demut jener Art, die sich als eins mit der Welt empfindet, da alles in ihm und er in allem lebt. Die Hingabe an die Erscheinungen macht, daß dem Geistigen alle Erfahrung zu einem tiefen Erlebnis wirk Eine vollkommene Versenkung in das Wesen eines jeden Dinges läßt es innerlich neu und in durchdringendster Beleuchtung erstehen. Diese Beleuchtung ist so ganz aus Eigenem und bindet so stark an Eigenes, daß hierin der wesentliche Vorgang eines Erlebnisses besteht, das die ganze Persönlichkeit ebensowohl erschüttert wie erhebt. In dieser Hinsicht ist denn auch nichts, das dem bettachtenden Geiste klein oder groß wäre. Alles ist wertvoll als Teil des großen Einen, und hier unterscheidet sich! auch nicht ein Gedanke, eine Vernunfthandlung von der Anschau-