KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 24 (September 1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 1139 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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1139 Zrltz Meyer. (Bavariae.) Wieder leuchten von Strauch und Baum die Blätter goldgelb und glührot. Ueber die Natur ist das große Sterben gekommen wie jedes Jahr. Aber man kann ja kaum mehr still staunend vor den Wundern des Werdens und Vergehens in der Natur stehen, während unbekümmert um alles Naturgesetz der Weltbrand in sinnloser Wut weiterglutet. Denn bei jedem Bild, das einen an Frieden und Glück erinnert, zuckt im Unterbewußtsein der Gedanke an den beispiellosen Kampf und an sein Elend. Auch in dem Jahr, daS jetzt in Wald und Feld zu Ende geht, wurde ungezählten Familien ihr Bestes genommen, Abertausende sanken dahin, und blutige Tränen wurden geweint, wenn die Todeskunde die Harrenden ln der Heimat erreichte. Dann saß die Wunde im Herzen der Trauernden, es kam das Blut, das mußte kommen und dann konnte die Wunde mählich verschorfen, denn in der FamUie suchte einer dem andern mit sorgender Hand den Schmerz zu lindern. Ganz anders ist eS, wenn nach einer dieser unerhört gewaltigen Schlachten die Briefe, die mit heißen Wünschen ins Feld geschickt wurden, wieder zurückkommen, mit blutrotem Stift quer durchschrieben: vermißt. Kalt und schneidend, wie ein Peitschenhieb klingt dieses Wort, und was es sagt, ist schwer zu tragen. Zuerst die Hoffnung auf ein Wiedersehen, wenns auch noch Jahre dauerte, und selbst wenn der Teure nicht so frisch und lebensfroh, als er auSgezogen, wiederkehren sollte. Daneben aber schon die zage Furcht vor dem Berlorenhaben ohne Wiffen. Mit den Monaten schwindet die Hoffnung, der Kummer wird gewiffer, bis man schließlich resigniert und weiß, daß es nur ein hartes Nein gibt. Der Teure ist doch tot. Aber wer weiß wie, wer weiß wann, wer weiß wo!! Das ist die eiternde Wunde, die schwer verheilt, die immer wieder ausbricht. So bist Du mein lieber Bruder vor einem Jahr von uns gegangen. In dem Brief, der mir deine letzten Wünsche sagte, und den ich durch einen Zufall erhielt, gabst Du mir den Auftrag, unsre Freunde und Kampfgenoffen von unserm Bund noch einmal zu grüßen. Ein Jahr ist' vorbei. Die Zeit hat leider keine Hoffnung gelaffen, sie gab Gewißheit. Ich will heute Deine Bitte erfüllen —, Du schriebst in deinem letzten Willen: „Den Bundesbrüdern allen meine treuen Grüße, der Verbindung ein „vivat, crescat, floreat in aeternum«. Dir brauche ich nicht zu sagen, daß ihr stolzer Wahlspruch mich durchs Leben in den Tod geführt". So bitte ich denn Euch alle, liebe Bundesbrüder, die letzten Grüße Eures Kampfgenoffen Fritz Meyer htnzunehmen. Ich, sein einziger Bruder, möchte Euch gern auch noch etwas von ihm erzählen, damit ihr ihn wieder vor Euch seht, ihr Wenigen, die ihn kanntet, und damit die andern, die diese Worte lesen, vielleicht sagen: „Wir haben einen guten Kämpfer verloren". Am 20. September 1917 war bei Poelkapelle ein gewaltiger Ansturm der Engländer. Es ging in Granattrichtern Mann gegen Mann. Aus diesem Kampf ist der Grenadier Fritz Meyer nicht zurückgekommen. Niemand hatte ihn gebraucht, er war kein Führer, nur einer aus der großen feldgrauen Masse ohne Knopf, ohne Treffe. Später wurde er „vermißt". Doch dieser junge Mensch, der so ungekannt und unerkannt unterging, war ein Mensch, der weit Über dem Durchschnitt stand. Ein Jüngling, der begeisterungsfähig wie nur einer sein Leben seinen Idealen gab. Aus den schlimmsten Tagen da draußen schrieb er noch voller Begeisterung und verglich achselzuckend die innige Vaterlandsliebe des Juden mit der Gleichgültigkeit der Soldaten der Maffe. In jedem Grashalm, jeder Blume sah er das Schöne, das Schöne, dem er so brennend gern sein Leben geweiht hätte. Denn Kunst, Literatur, Theater, alles, was Menschen dem Alllagsgrau entrückte, war sein Denken. So hat er fein kurzes Leben mehr gedacht als gelebt. Das drohende Schicksal, das 1914 über Deutschland brach, mußte dieses heiße Jünglingsherz gewaltig packen. Er wollte sofort freiwillig zum Heer, doch die harte Notwendigkeit hielt ihn zurück) da der Vater in französischer Zivilgefangenschaft festgehalten wurde und der ältere Bruder freiwillig mitzog, mußte er als einziger Mann zu Hause sein. Das Jahr in der gelichteten Oberprima war sehr schwer für ihn, doch es ging zu Ende, und nachdem er die Abiturientenrede ehalten und den Preis der Anstalt bekommen atte, war er frei, konnte reisen, der Kunst in München nahe sein. Als er dann im Herbst als Student der Rechte nach Heidelberg zog, konnte er für eine andre große und schöne Sache sein nach Idealen strebendes Herz einsetzen. Er wurde mit ganzer Seele K.C.er. Begeistert vertiefte er sich in die jüdische Geschichte und grübelte über die Lösung unsrer Probleme. Wenn einen die große Idee des gemeinsamen Kampfes und Zieles, deS starken festen Bandes, das deshalb alle K. C.er umschlingt, tief ergriff, so ihn. Er war ein guter, treuer Freund, der mit seinen vielseitigen Gaben so gern Freude brachte. Ausgelaffen lustig konnte er fein und dann wieder so ernst, wenn er bei einem Spaziergang nachts durch die stillen Wege von dem sprach, was werden soll. Seine größte Freude war, wenn