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KC-Blätter · 1917-05-01 · Heft 17 (Mai 1917) · p. Seite 894

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Journal
KC-Blätter
Volume
1916-1917
Issue
Heft 17 (Mai 1917)
Date
1917-05-01
Page
Seite 894 (sequence 28)
Language
German
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894 forschungen nach den Stammbäumen der Staatsmänner unserer Gegner, die der Natur der Sache entsprechend, mehr oder weniger willkürlich sein mußten, haben oft die abenteuerlichsten Kombinationen ergeben. Die regelmäßige Folge war, daß der Stammbaum natürlich nach Polen führte und daß der gut französische oder englische Name früher einen nicht minder guten jüdischen zum Vorgänger hatte. Woher kommt es nun, daß viele sich in Deutschland über die übrigens keineswegs auffallend große Zahl jüdischer Politiker aufhalten? Ganz einfach daher, daß der jüdische Politiker in leitender Stelle, wenn er nicht gerade Sozialdemokrat ist, in Deutschland eine Ausnahmeerscheinung ist und in Regierungskreisen überhaupt nicht vorkommt. Das ist bei unseren Feinden, wenn wir von Rußland und Rumänien absehen, ganz anders: In Italien, Frankreich und England rvird auf die Konfession keine Rücksicht' genommen. Daher auch das Erstaunen, auf der' Gegenseite jüdische Diplomaten zu treffen. Und wider alles Erwarten habendiese Diplomaten die deutschen Antisemiten wenigstens in einer Hinsicht enttäuscht, sie zeigten sich absolut nicht als das internationale Element, als das die Juden noch bis 1914 verschrieen waren. Vielmehr waren sie fast alle durchweg eifrige Anhänger ihrer nationalen, mitunter sogar extrem-nationalen, chauvinistischen Politik. Leider, denn diese Tatsache wurde von antisemitischer Seite wiederum dahin ausgeschlachtet, die Juden seien Kriegshetzer und Schuld an der Verlängerung des Krieges. Bei näherer Betrachtung ist natürlich nichts unsinniger als diese Behauptung. Die französischen, die englischen und italienischen Juden fühlen sich nicht minder als Söhne ihres Vaterlandes als wir es tun, und wenn sie sich mit ihrer ganzen Kraft für ihr Vaterland einsetzen, so ist das für uns bedauerlich, weil sie augenblicklich unsere Feinde sind und wie ihre arischen Bolksgenoffen noch in dem Wahn leben, als Sieger aus dem Streite hervorzugehen, aber objektiv betrachtend und als Zuschauer bei dem großen Völkerringen würden wir wohl kaum dabei etwas Verächtliches finden. Auch den neutralen jüdischen Politikern wird häufig übelgenommen, daß sie sich in deutschfeindlicher Weise betätigen. Die deutsche Judenheit bedauert dies natürlich sehr, hauptsächlich deshalb, weil viele dieser Neutralen früher deutsche Bürger waren. Ich erinnere nur an die vielen amerikanischen Juden, die auch vor der Kriegserklärung Amerikas an Deutschland bereits offen Partei gegen unser Vaterland genommen haben. Woraus erklärt sich dies? Sicher nicht aus der Lust, gegen Deutschland grundlos zu Hetzen, sondern meistens daraus, daß diese Leute früher ihr deutsches Vaterland verlassen haben, weil sie sich nicht gleichberechtigt sühlten mit ihren christlichen Mitbürgern und eine Heimstätte suchten, wo solche Unterschiede nicht bestehen. Daß herbe Erinnerungen an die Jugendtage keine besonderen Sympathien auszulösen vermögen, ist selbstverständlich. Nie und nimmer aber hat Chauvinismus und Kriegshetzertum irgend etwas mit dem Judentum an sich gemein, so wenig, wie irgend eine andere Religion deffen je bezichtigt wurde. Das haben die deutschen Juden, glaube ich, in jeder Hinsicht bewiesen. Unsere Reichstagsabgeordneten — mit Ausnahme der wenigen, die den bedauerlichen Standpunkt Ledebours teilen — haben stets der Regierung treue Gefolgschaft geleistet. Sie traten in jeder Hinsicht für jede Forderung ein, die vom Reich zur siegreichen Beendigung des Krieges gestellt wurde, sie geißelten aber mit gleicher Offenheit die sich zeigenden Mißstände,' wie sie in unzweideutiger Weise jederzeit ihren Friedenswillen kundgaben, wenn die Ehre und der ungeschmälerte Fortbestand des Reiches gesichert erscheint. Wenn das Wort des Kanzlers „freie Bahn allen Tüchtigen" in Erfüllung gehen wird, so werden die deutschen Juden jederzeit gerne zeigen, daß nicht Religion und Konfeffion die Qualifikation zum Führer verleihen, sondern Kenntnisse, Fleiß und Tatkraft. Daran werden es unsere Glaubensgenoffen dann nicht fehlen laffen. OB HB Akademische und Allgemeine Nachrichten. Hermann Cohen 75 Jahre alt. Gebeimer Regierungsrat Professor Dr. Hermann Cohen, der berühmte Kantforscher und idealistische Philosoph, vollendete jüngst in ungetrübter geistiger und körperlicher Frische sein 75. Lebensjahr. Die wissenschaftliche und geistesgeschichtliche Bedeutung des Begründers der Marburger Philosophenschule, der unter den deutschen Denkern wie unter den führenden jüdischen Persönlichkeiten der Gegenwart mit in vorderster Reihe steht, rechtfertigt einen kurzen Rückblick auf dieses arbeit- und ertrag- □o reiche Leben auch an dieser Stelle. Der Sobn eines Gemcindelehrers in Cosivig an der Elbe, wurde Cohen von seinem Bater früh in das Studium des Talmud und der jüdischen ReligionSphilosophen deS Mittelalters eingeführt, ivährend er zugleich die Stadtschule seiner Vaterstadt und später das Dessauer Gymnasium besuchte. Mit 15 Jahren wurde er Zögling deS Jüdisch- Theologischen Seminars in BreSlau, wo ihm Männer wie Graetz, Joel und BernayS nachhaltige Anregungen boten. Bon 1864 ab setzte er seine Studien in Berlin

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