KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 16 (März 1917)
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 842 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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842 Aussage in einer grotesken Szene an den Tag kommt, fleht der Knabe sich von allen verstoßen und nimmt das Messer, um sich ins Herz zu stechen. Aber der Prophet Elijahu, der um ihn gekämpft hat wider Semael und seine Helfershelfer, die Dummheit und den Geist der Abtrünnigkeit Jacob Pfefferkorn, schließt ihn in seine Arme. Selbst der Rabbi und die angeklagten Juden entsühnen ihn, indem sie ihm das Grab eines Jucken gewähren. Droben aber richtet auf Geheiß des Ewigen Baalschem und verheißt dem Knaben, der das Schicksal des jüdischen Volkes vertritt, die „Wiedergeburt im Lande der Väter," in Freiheit, Wissen und Freude. Als Buchdrama und jüdische Tragödie hat Zweigs Weick mithin viel erfreulichere Seiten. Es sind manche Stellen, die trotz des Marionettenhaften ergreifend sind. Auch die Sprache in ihrem Wechsel zwischen krassem Realismus und dem bilderreichen Stil unserer jüdischen Legenden ist recht glücklich gewählt für ihre Zwecke. Indes wäre es sinnlos, in der Besprechung eines Kunstwerks gegen seine etwaige zionistische Färbung zu polemisieren. Siegfried Urias. Dreibuch. Jüdische Geschichte von Sch. Gorelik, I. L. Perez, Schalem Aleichem. Mit einer Vorbemerkung von Max Brod. Jüdischer Verlag, Berlin. Eine Sturmflut von ostjüdischer Literatur ist über unS hereingebrochen und man steht beim besten Willen, sich zu orientieren, fremde Kultur zu erfassen und verwandte Züge bei den Glaubensbrüdern zu entdecken, einigermaßen fassungslos vor so viel Lehrern, die uns heterogenste Wissenschaft, schwierigste Probleme mit den einfachen Linien einer mathematischen Formel auflösen wollen. Wir erinnern uns, daß wir es, oft erst in diesem Krieg, verlernen mußten, Seelen der Völker aus Büchern zu erfassen und mußten desto gewisser sein, daß wir auch diesem ungeheuer verworrenem Problem gegenüber nichts anderes sein können, als Schüler des Lebens, mit dem guten Willen, die Dinge, die sich von ferne so romantisch ansehen, mit nüchternem Sinn zu wägen. Wir müssen das Mögliche und Erreichbare gegen all die Sentiments stellen, m denen wir, ich meine damit auch wir deutsche Juden, jahrelang Krieg für und gegen idealistische Güter geführt haben. Aber diesen Erwägungen, den realen Dingen des Lebens eine durch größere Kenntnis der sozialen Struktur ausgezeichnete Aufmerksamkeit entgegenzubringen, darf uns nicht vergessen lassen, daß wir auch Seelen der Völker, wie wir es auch schon früher taten, mitfühlend kennenlernen sollen und daß die große Herrscherin Kunst uns besser als jede andere in diese psychologischen Pfade hineinweisen kann. Das vorliegende Buch handelt von der Seele eines uns durch den gleichen Glauben nahe und doch unendlich fernen Volkes, das in seinen Dichtern mrS den ganzen Reichtum seiner frohen oder resignierten, seiner trotzigen oder demütigen Phantasie zeigt. Wir müssen diese Gestalten, die oft so rührend zart sind und von einer überirdischen Selbstverleugnung erfüllt, lieben, wie wir sie bei Gorki oder Tolstoi lieben lernten. Wir fühlen mit ihnen den Stolz und die Freude über ihr edles und rechtschaffenes Tun, wir finden uns leicht hinein in diese geraden, unverdorbenen, naiven Gemüter, in denen oft unsagbar einige Traurigkeit lebt, wenn an einem Sommerabend unter fernen Lichtern über den See ein leiser und schwermütiger Sang herüber tönt oder wir trauern über die zarte Seele der Aerztin, die sich für die gefährlichste Peststelle meldet und dort treu ihrem Beruf, eine Dienerin der Pflicht, gestorben ist. Wir sind wie im Märchen bei den Engeln und Teufeln, bei den Geistern und Elfen dieser Bolkssagen, die so schön sind wie unsere alten Kindermärchen. Wir Süden oft in ihnen eine tiefe Philosophie, die uns nachenklich machen kann, wenn sie uns sagt, daß eS nicht darauf ankommt, wie oft man betet und wie man sich den Bart schneiden läßt, sondern welch ein Geist uns bei unserem Tun beseelt. Es steckt ein tiefes Symbol in der Geschichte von dem Frommen, der beim Sterben in den Himmel geholt werden soll und in die Hölle gehen will, weil ja dort die Schwachen sind, die er stützen kann. Das alles läßt uns gepackt weiterlesen, weil eS, wie alle wahre Kunst, das Leben selber ist, das wir auS dieser jüdischen Dichter Schöpfungen spüren. ES ist schade, daß zu diesen einfachen und hohen Worten von Liebe und Tod, von Gott und Glauben der moderne Herr Max Brod, Romanschriftsteller aus Prag und Zionist, glaubt verpflichtet zu sein, uns ein Vorwort zu schreiben, gegen das man nicht hart genug sich wenden kann. Es ist Vermessenheit, wenn er schreibt: „ganz Europa mutz von den Ostjuden lernen" und es sei falsch „von dem modernen Unsinn der Smokings", Badezimmer, Uniformen, Großwarenhäuser und Unfallversicherungen sich einbilden zu wollen, die Ostjuden auf unsere Kultur heraufbringen zu wollen. Es ist zu billige Weisheit, als daß man sie aussprechen sollte, daß auch in Snwkings und Uniformen ein fühlendes Herz, eine tiefe Seele stecken kann und daß Kultur von keinem Denkenden nach derlei törichten Aeußerlichkeiten bemessen wird. Es ist eine Anmaßung, wenn Herr Brod dekretiert, wir seien gezwungen, uns von dem nichtjüdischen Begriff der Kunst freizumachen und ein Kunstwerk nur vom Standpunkt des Juden aus zu betrachten. Es ist eine Anmaßung und eine unglaubliche Unkenntnis, wenn er Peter Altenberg mit seiner natürlichen Hygiene, den Mann, der über sein letzes Buch schrieb „verlernen, um. lernen, zulernen" im Gegensatz zu dem „Geist" bringt, der all das Leben der Ostjuden angeblich erfüllt. Es ist überhaupt eine Anmaßung, vor ein Kunstwerk mit erhobenem Zeigefinger zu dozieren, was man aus ihm lernen könne. Wir sehen Herrn Brod vor uns, wie den Bakel schwingenden Lehrer, der uns die Schönheit Schillerscher Verse einbläuen will. Nein, dieses Kunstwerk ist über Raum und Zeit erhaben, steht über Streitfragen und ist wert, gelesen, geliebt und nicht gelernt zu werden. H. Salomon (Licariae.) Außerdem sind noch folgende Schriften eingelausen, deren Besprechung Vorbehalten bleibt: Heimat. Ein Lied aus großer Zeit in 10 Gesängen. Bon Arnold Winkelmann. Druck und Verlag der Buchdruckerei der Schreiberhau-Diesdorfer Rettungsanstalten. Diesdorf bei Gäbersdorf, Kreis Striegau. Jüdisch-deutsche Texte. Lesebuch zur Einführung in Denken, Leben und Sprache der osteuropäischen Juden, von D. Dr. Hermann L. Strack. I. C. Hinrichs'sche Buchhandlung, Leipzig 1917. Der Jucke. Eine Monatsschrift. I. Jahrgang, Heft 12 und Werbeheft. Neue Mische Monatshefte. Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Literatur in Ost und West. Heft 11—14. An Spenden für die K. C.-Blätter-Kafse find eingegangen: Mk. Mk. 1. Max Frankenbach, Berlin W. 15 Uhlandstraße 29 zum Gedächtnis meines am 28. Februar 15 für das Vaterland geftorbenen Sohnes Karl. 30.— 2. Theodor Gunzenhäuser, Frankfurt a. M. anläßlich der Verlobung seiner Tochter Alice mit Herrn Rechtsanwalt Dr. Baruch. 25.— 3. Walter Riesenfeld, Wien: Aus Anlaß des ersten Zusammentreffens mit einem Kameraden im Felde. 10.— Zu übertragen ML.65.—