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KC-Blätter · 1912-12-01 · Heft 3 (1.12.1912) · p. Seite 57

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Journal
KC-Blätter
Volume
1912-1913
Issue
Heft 3 (1.12.1912)
Date
1912-12-01
Page
Seite 57 (sequence 5)
Language
German
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57 III. Der Zlevergang vom Karrdet zur Industrie und der „Kandelsgeist der Auden^. 3o^ali findet eine Bewegung, die uuzweifel- I)oft vortiegt: Ein Heransgehen der Juden ans dein Handel und ein Hineinströmen in die Indnstrie. Er konstatiert eine überraschend grosse Zahl von jüdischen Handwerkern (nicht lveniger als 40(XX) glaubt er annehmeu zu dürfen), und so glaubt er ans statistischem Wege die „von judenfeindlicher Seite allerorts und aller.zeit ausgestellte Behauptung, die Juden seien ein Schachervolk und besäßen einen ausgeprägten Handelsgeist", widerlegt zu haben. Uiim fragt sich ja noch sehr, ob darin iiberhanpt ein Borivurf liegt, ob nicht vielmehr die überragende Weltmachtstellung des britischen Reiches ixnn „ausgeprägten Handelsgeiste" des Engländers einzig und allein zuzuschreiben ist, ob nicht auch Deutschlands wirtschaftliches Emporbliihen dem Handelsgeiste — gerade auch seiner jüdischen Bürger — mit zu danken ist, und besonders mich die Blüte der Industrie. Denn die Begriffe, „Industrie" und „Handel" sind ja nichts Feststehendesl), wir sehen sie inuner enger ineinander verfließen: Einerseits greift der Handel inuner weiter in die Industrie hinein (die großen Filialbetriebe gliedern sich allerorts Fabriken an. und ihre Inhaber werden damit, obwohl Kanslente von Grund aus, statistisch zu „Industriellen", die großen Warenhäuser tun dasselbe, nicht anders die. Bersandgeschäfte, die Abzahlungsgeschäfte, die Einkaufsgenossenschaften der Deraillisten), andererseits greift die Industrie als Mfavtcll uud Teilst in deu Handel, hinüber (bleibt aber statistisch „Industrie") und beherrscht darin weite Gebiete (.üohle, Eisen, Petroleum-, Dapeteutrust). Wir können diese Doppelbeobachtung machen: Die moderile Industrie ist erobert worden vom Kaufmann, vom Handel aus: ihre gewaltige Ausdehnung ist geradeztt eine Schöpfung des Hausmanns d. h. des „Handelsgeistes". So wurden gleichsam die besten Kräfte'von obenher ans dein Handel zur Industrie abgesogen. (Gleichzeitig lvlichsev die Absatzmöglichkeiten, es entstand ein Baknnm iin (Gebiete des eigentlichen Handels; der jüdischen '.Uiaffe der ProzentsaU der Angestellten und Arbeiter gegennver den Selbständigen mich gewachsen, aber nicht schneller — »nd nnr dann tonnte man van „Annäherttng" sprechen, — sondern langsamer als bei den andern. l) Eben babuvd) wird nnsere ganze Statistik immer ungenauer. Bei der lebten Betriebs/,ählnng hat man z. B., wie mir das Kaiser!. Stat. Amt mitgeteilt hat, jedes Ladengeschäft. das mit einem Produktionsbetriebe znsammentiing, ahne weiteres mit den industriellen Betrieben gezahlt. lieber die Notwendigkeit tanfmäunifcher Organisatoren innerhalb der modernen Industrie unterrichtet ein ebenso kurzer wie vortrefflicher Artikel von Landauer im Archiv für Sozialwissenschast. Iahrg. 1011/li .es fehlte an genügendem Utachwuchs, und so strömten gleichsmtt von unten her in ihn die Blassen derjenigen ein, die im großen Umwandlungsprozeß der Industrie hinabgedrückt worden waren, die Handwerker ultd die ilmeu uahestchellden Schichten.h Die Juden gehen ans dem „Handel", zumal aus deiri Detailhandel hinaus. Tegall glaubt, daß hier eine zivaugsiveise Berdrängung vorliege; besonders durch Warenhäuser und K onsumvereine, imb beruft sich dabei n. a. auf meine Schrift über das Warenhaus in Westdeutschland. Eben deshalb möchte ich hier widersprechen. Es ist richtig, und ich habe es ja zuerst nachgeiviesen, daß das Warenhaus Neugrüudungen bedeutend erschwert, aber ich habe auch daraus hingewiesen, daß das Warenhaus im gesamten Handel nur eilt kleines (Gebiet wesentlich berührt, vor allem Bekleidungs- und Einrichtungsgegdnstände. Genuß hatten gerade in dieseili (Gebiete di- Juden bisher eine besonders starke Position. Aber gleichzeitig hat sich das (Gebiet des Handels, tuicl) des Detailhandels, stark an.-geweitet, die Iaht der Geschäfte steigt noch immer rapide; lvährend die Bevölkerung 1M2—1007 um 40% wuchs, stieg die ^,ahl der Handelsbetriebe fast auf das Doppelte, von 4ö:;ooo auf H40(X)0. Die wirkliche ,'jahl der Handelsgeschäfte ist noch viel größer; ich konstatiere für 10>>7 im Deutschen Reiche allein MH000 Detailgeschäite und rund 2(X)000 Großhandlungen. Auch der Ertrag der Kleinuud Alittelgeschüste ist gegenüber früher nicht gesunken, wie ich für eilten Bulidesstnat demnächst Nachweisen werde. Weshalb also gehen die Illden doch aus dem Handel, zumal aus bem Detailimudel heraus? Weshalb ergreifen sie nicht einfach, rvenn Warenhaus uud Konsumverein sie wirtlich verdrängen sollten, andere, mm biefeu Erscheinungen nicht bedrohte HaiidelSzweige? Diese Abwanderung der Juden geschieht nt. E. als Btassenerscheinung -- im einzelnen Falle kann es anders liegen — freiwillig; nicht weil sie im Kleinhandel ihre Erift.nz nicht mehr fristeli könnell, sondern weil sie in der Industrie mehr verdienen, d. h. ihre spezifischen Kaufmanns- Fähigkeiten noch viel besser verwerten ') Diese;,,uiaiuiHciif)üui)e sind zwar bisher uur sehr weich) erkannt worden. Aber Material liegt massenhaft vor: 1. lieber die Eroberung der Industrie durch den Kaufmann. vergl. besonders Sumbart, Die Inden S. UL ff.: recht hübsch neuerdings Landauer, Bunmivotlindustrie, Dübitttien 1012 (dort aurfj weitere Liter.iiur): demnächst ineine Schrift über die Filialbetriebe im Detailhandel, von älterer Literatur besonders Thun, Industrie am Aiederrbein. 2. Das Eindringen des Handwerks in den Handel ist schon oft. allerdings nicht zusammenhängend geschildert. Zusammenstellungen bei Wernicke Kapitalismus und Älittetstandspolitik, Jena 1007; auch Schär, Handclsbetriebslehre, Berlin 1012.

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