KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 3 (1.12.1912)
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 54 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Geöanlren zu Seguü's HNtch über 6te deutschen 3u6cn.‘> Bon Privatdozent Dr. In l. H irsch, tfölu. OZewiß ist es bedeutsam und hochverdieustlich, die Höheuleistungen des Judentums im Wirtschaftsleben darzustelleu — und was mau auch im einzelnen bemängeln mag, Sombarts Buch bat das iu ineisterhaster Weise getan — aber ebenso wichtig, ja wichtiger ist es. uau Zeit zu Zeit auch den Mutterboden zu untersuchen, auc> dem diese Spitzenleistungen immer wieder entstanden sind, die inirtschastliche und soziale 3tmftur der jüdistheu Atlassen. Wie es in dieser Hin sicht mit den reichsdeutscheil Juden bestellt ist, darüber gibt uns die Berufszählung van IW >7 wertvolles Material, die iu Deutschland zum ersten Male eingehender die Zusammenhänge zwischen 9teligiou und Beruf zu erfassen versucht hat. Und da die großen Quellenwerke unserer Statistik für die breite Blasse ja doch nichts als tlnversrändliäte Zahlenfriedhöfe" sind, so ist es doppelt erfreulich, wenn ein gründlicher und sachkundiger Bearbeiter wie Segall es unternittimt, in leicht verständlicher, handlicher Form nicht nur die wichtigsten wirtschaftlichen Masseubeobachtnngen auszuwühlen, sondern auch die Ergebnisse auf ihre Ursachen hin zu untersuchen, in ihren Wirkungen für die Zukunft abzuschähen. Wie die ganze bisherige Kritik, so halte auch ich die Schrift für eine hocherfreuliche wissenschaftliche Leistung, deren Wert für Gegenwart und Zukunft nicht gering auzuschlagen ist. Eben deshalb entspreche ich aber auch umso lieber einem persönlichen Wunsche des Verfassers, an dieser Stelle gerade diejenigen Partieen und Schlußfolgerungen der ^Arbeit besonders zu besprechen. mit denen ich nicht einverstariden bin, oder deren Ergänzung in einer treuen Auflage vielleicht nützlich wäre. Und dazu gebärt iu erster Linie das Gesamtergebrris des Buches, daß „allnrählich eine Annäherung der Juden an die Gesamtbevölkerung erfolge, svivohl bei der Berufsgliederung, rvie mul) bei der sozialen Schichtung", und das; „die Inden derr Höhepunkt ihrer Errtwicklrrng bereits überschritterr baberr". l. Die soziale Schichtung der Jude». Wichtiger als die „berufliche Gliederung", erscheint mir im Wirtschaftsleben die soziale Schichtrrng, die Stellung im Berrrfe, ob Selbständiger. Angestellter oder Arbeiter. Denn die Art der Tätigkeit gestaltet sich ja irrrrerhalb der l) Segall, die beruflichen und sozialerr Berhältnisse der Juden in Deutschland, Berlin 1912 (Verlag Schildberger). Oberschichten bei den verschiedenerr Beruserr inrmer gleichartiger. Die Unternehmertätigkeit wird immer nrehr spezifisch kanfmännistb. rurd die Angestelltenschicht, sorveit sie rein bürotätig ist, wechselt zwischen den verschiedensten Betriebsarterr hin und her. Bei der sozialen Stellung aber zeigen die Inden einen scharfen Unterschied gegenüber den übrigerr Blassen des deutschen Volkes. Es ist das soziale Kapillaritätsstlenen, der gewaltige Drang nach oben, der die jüdischen Schichten in ganz anderenr Maße beseelt, der bei ihnerr aber auch in ganz anderem Maße Erfolg hat. als bei der andern Bevölkerung. Das fmuuit bei Segall lange nicht stark genug znm Ausdruck. Wohl weist auch er darauf hin, daß „der Prozentsatz der Selbständigen bei den Juden doppelt so stark ist als bei der Gesamtbevölkerung". Aber das Verhältnis ist tu Wirklichkeit noch anders: Beim Vergleiche muß man von der Landwirtschaft absehen. well in ihr die Inden keine Volle spielen, die Selbstandigkeits-Möglichkeit aber besonders groß ist (was das Verhältnis zugunsten der andern Bevölkerung verschiebt). Man muß auch die sachlich ganz ungerechtfertigte Praris der Berufszählung korrigieren, welche die Ladenangestellten unter die „Arbeiter" zählt, während sie sozial (uub neuerdings auch verstchernngsgcsetzlich) offenbar zu den Angestellten gehören. Dann steht das Bild so ans: In Gewerbe, Industrie und Handel gab es von je 100 Erwerbstätigen: bei der bei den lsestuiitbelwlterimg Jude» Selbständige 17..! 7»n.4 Angestellte II'» .!!> 'Arbeiter 7« >.•. ‘ I7> Ihber auch so erscheint die Zahl der „Arbeiter" noch viel zu groß, die der .. Selbständigen" prozentual zu klein. Denn unter die ''kahl der „Arbeiter" rechnet die Berufszählung auch die im Geschäfte „milhelfenden Familienangehörigen", obwohl sie sozial den Selbständigen doch iveir näher stehen. Lassen wir diese einmal heraus, so schrumpft der Prozentsatz der „Arbeiter" noch mehr zusammen, die Selbständigen unter den Inden in Handel und Gewerbe machen dann fast 55 Proz. der Gesamtzahl ans. die „Arbeiter" (es handelt sich nach den gemachten Abzügen nur noch um 22558 Köpse > nur mehr 1k Proz. Und unter diesen „Arbeitern" ist noch fast die Hälfte weiblichen Geschlechts, und sie betätigen sich überwiegend in handwerksmäßigen Betrieben. Während bei dem großen llmwandlungsprozeß in Gewerbe und Industrie die übrige Bevölkerung in großen Massen ins Proletariat gesunken ist, hat sich eine jüdische Fabrikarbeiterschaft in Deutsch-