KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 1 (1.10.1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Deutschtum und Judentum. Von Assessor Karl Löwenstein aus Aachen. (.VStcav iae, 5)1 he noSilesiae). Im „.Wunftroart"*) hat soeben eine lebhafte Erörterung über die Stellung der beutfd)cu Inden im deutschen Kulturleben ihren Abschluß gesunden. Ter Aufsatz eines nationaljüdischen Schriftstellers namens Moritz Goldstein, betitelt „Deutsch-jüdischer Parnaß", bildete den Anlas; hierzu. Au ihn knüpfte der Herausgeber des „Kunstwart", Aoenarins, die Aufforderung, zu Goldsteins Ausführungen Stellung zu nehmen. Die im Ganzen nicht sehr bedeutende und wenig erfreuliche Polemik fordert unwillkürlich einerr Vergleich mit jener heftigen Debatte über dasselbe Themaheraus, die Treitschke vor mehr als 30 Jahren mit seinen bekannten Aufsätzet! in den „Preußischen Jahrbüchern" entfachte. Die Aufsätze iibten damals eine ganz ungewöhnliche Wirkung aus; haben sie doch zum großen Teile dazu beigetragen, dem moöcnieu Antisemitismus Eingang in die gebildeten Kreise zu verschaffen. Und ebenso lebhaft war der Widerspruch: „Tagaus, tagein stürmt eine Heerschaar von Flugschriften und Zeitungsartikeln gegen die Aufsätze heran, auf jede Zeile kommen ebenso viele Druckbogen von Widerlegungen", so klagte damals Treitschke. Männer wie Mommsen, Harry Breßlau, Ludwig Bamberger, Hermann Cohen, S. Neumann, Moritz Lazarus, Gratz und Joel — um nur einiger der bedeutendsten zu gedenken — traten ihm in eingehenden, heilte noch lesenswerten Schriften entgege.l. Heute sehen wir das gerade Gegenteil. Die Debatte ist kaum über den Leserkreis des „Kunstwart" hinaus bekannt geworden. Kann! eine Tages zeituug hat die. Aufsätze auch nur erwähnt, so daß Avenarius sich bitter iiber die geringe Teilnahme beklagt und den Verdacht ansspricht/ „die gesamte Tagespresse, soweit sie unter jüdischem Einfluß stehe." suche die angeregten Fragen durch Totschweigen zu erledigen! Zlvar hat ''Avenarius fast 00 Inschriften erhalten; aber aus den wenigen, die er unter ihnen einer Veröffentlichung fürwert gehalten hat, kann mau erkennen, wie erst die anderen gewesen sein inögen. Nur die von Jakob Lökvenberg. von Lissauer und allenfalls noch die eines Zionisten Franz Quentin (m. W. ein Pseudonym eines jungen Primaners) können als lvertvolle Beiträge gelten. Seit jener Polemik in den Preußischen Jahrbüchern ist das Thema „Deutschtunl und Judentum" eben viel zu oft erörtert worden, als daß heute noch jede Aeuße- *) Vergl. 1. Märzheft, 1. Aprilheft und 2. Auguftheft des...Amstwart". rung sogleich allgemeine Erregung oder auch nur ein tieferes Interesse in der öessentlichkeit erwecken könnte. Viel interessanter als jener mehr äußerliche Unterschied aber ist die verschiedene Art der Behandlung der Frage. Zur Zeit Treitschkes war mau sich auf allen Seiten darüber einig, daß Dentschtuu! und Judentum wohl miteinander vereinbar seien, und daß die Einordnung der Juden in das deutsche Kulturleben nicht nur möglich, sondern auch wünschenswert sei. Der Gedanke, daß die Juden nicht Deutsche sein könnten, ist selbst von Treitschke nicht ausgesprochen worden. Er formulierte damals seine Forderungen folgendermaßen: „Was mir nun unse» n israelitischen Mitbürgern zu fordern haben, ist rinfach: sie sollen Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche suhlen — unbeschadet ihres bNuubenS und ihrer heiligen Erinnerungen, die uns allen ehrwürdig sind." Und heute! Da wird uns von Avenarius. der die Debatte beschließt, das Recht und das Können abgesprochen, an der deutschen Kultur mitzuarbeiten und uns der fr eundliche Rat erteilt, uns anstatt dessen mit „euhebräischkr Kultur zu beschäftigen, der das „madc in Israel“ sofort anhafte. Und wie verhalten sich die Juden selbst dazu? Vor einen! Menschenalter war es selbstverständlich. daß sich die Juden aller Richtungen als Angehörige des deutschen Volkes und des deutschen Knltnrkreises fühlten. Jetzt sind es Inden, die uns auffvrdern, der Mitarbeit an der Kultur des deutschen Volkes, das uns für unsere Leistungen keinen Dank nässe, zu entsagen und eine neuhebräische Kultur zu schaffen, um uns durch die kulturelle Scheidung den antisemitischen Angriffen zu entziehen. Goldstein, der die Debatte eröffnet, geht davon ans, daß die deutschen Juden einer unüberwindlichen Abneigung, einen! unauslösch bareu Haß gegenüberständeu. und er sucht diese Ansicht in etwas einseitiger Weise durch den Hinweis aus Chnmberlain, Richard Wagner und Schopenhauer darzutun. deren Judenhaß aber doch wohl kann! als die Regel gelten kann. Dieser Haß des deutschen Volkes lasse ihm nie jüdischen Leistungen als etwas Frerndes, Unerwünschtes erscheinen. „Machen tuir uns doch nichts vor: wir Juden, unter llkks. ttwgen den bindrurk haben, als sprachen wir als Deutsche zu Deutschen -- wir haben den Eindruck. Ader mögen wir uns immerhin ganz deutsch fühlen, die andern fühlen uns ganz undentsch. Wir mögen nun Max Reinhardt heiße»! und die Bühne ,;n llngeahntem ^Aufschwung beflügeln oder als^Hugo von Hosmannsthal einen netten poetischen >stil an Stelle der verbrauchten Schillerfchen Bildersprache sehen oder als Mar Liebermanu die moderne Malerei führen: wir nlvyen das deutsch nennen, die andern nennen es jüdcsch, sie hören das „'Asiatische" heraus, sie der-