KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 12 (1.9.1912)
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 230 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2268830-2268846-2268858--0536-2269752- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
reguttg ergriffen, die Hände, ohne 51t ahnen, daß er des RücherS'und ^Nachfolgers sobald bedürfen würde. Wir stehen in drei Monaten an der Leiche Lassalles. Unmittelbar nach der Nonsdorser Rede fuhr Lassalle (;itr Ai’nr nach Ems, um dann nach einer kurzen llriterbrechnng, während deren er sich Mn-leisten Male vor den Schranken des Gerichts in Düsseldorf verteidigte, nach Rigikaltbad ziun Gebratlch der Atolkenknr ztl reisen. Hier traf ihn am 12. Juni 1804 hoch zu Rost „der Goldfuchs" Helene von Dünniges, die Tochter des bayrischen Historikers, Diplomaten und Freundes des Königs von Bayern, eine geistreiche Dame, welche Lassalle, wie wir ans den Memoiren der Helene von Dünniges wissen, seiner Zeit in Berlin kennen gelernt hatte. Angesichts der Literatur, insbesondere der „Enthüllungen Beruh. Beckers über das tragische Lebensende Lassalles", sowie der eigenen Rechtfertigung der Helene von Dünniges ist es noch jeist nicht leicht, sich ein klares Urteil über die mm folgenden Ereignisse zu bilden, und die eingehendere Darstellung stiinde einem Romanschriftsteller wohl besser, und vielleicht würde mail allch ihm seine Fabeln nub Menschen kaum glauben wollen. Der Sachverhalt ist in aller Kürze der: Das plötzliche Wiedersehen trieb beide einander elltgegen; das von Lassalle bereits ain ersten Abend geforderte „ja" zunl Eheschlns; gab Heleile sofort," obwohl sie seit Jahren mit dein Wallachen Janko voll Racowitza verlobt war. Jlldes erschienen die Hüldernisse, welche die Eltern Helenells Lassalle wegell feiner jüdischen Abkunft, wegen seiiles Vorlebens, insbesvlldere wegen seiner Beziehungen zur Gräfin Hatzfeld in den Weg legten, derartig, das; es Lassalle, trotzdem er eine Welt in Bewegung setzte, nicht gelang, Heleile von Dünniges/die in einem Rückschläge ihrer Willensregungen Lassalle zweifellos anfgegeben hatte, zu "feinem Weibe zu erlangen. Lassalle geriet min in die wildeste Aufregung und lies;" sich in seiner Leidenschaftlichkeit, seines eigenen früheren Standpunktes über das Duell ganz vergessend, dazu hinreihen, durch einen für Helene von Dünniges beleidigenden Brief ein Duell zu provozieren. Dieses Dllett fanb am Morgen des 28.'August 1884 zwischen ihlll ulld devl jungen Bojarell Raeowitza, der zur Ehrenrettung der Familie von Dünniges herausgestellt ward, im Gehülze von Carronge, einer Vorstadt von Gells, statt. Der erste Schuß des Bojaren traf Lassalle tütlich; anl britten Tage darauf, am 31. August 1864, starb 'Lassalle. Ich will die Trauerfeierlichkeiten, die Einbalsamierung der Leiche durch die Gräfin, bat Streit um die Leiche und lwl fein Testament übergehen. Am 14. September 1864 ward Lassalle in der Lassalleschen Familiengruft auf dem jüdischen Friedhose zu Breslau beigefetzt. Der berühmte August Bvckh verfasste ihm die Grabschrift: „Hier rllht, was sterblich lvar voll Ferdinand Lassalle, bem Denker und Kämpfer." Fünfzehn Jahre nach Lassalles Tode hat Fürst Bismarck anfeine Interpellation Bebels int Reichstage Hill sich, allsweislich der stenographischen Berichte, folgendermaßen über Lnssalle geäußert: „Was er hatte, war etwas. was mich als Privatwann ansrerordeatlich anzog: (n war einer der geistreichsten und liebenswürdigsten wrenschen, mit denen ich je verkehrt habe, eia Mann, der ehrgeizig im großen Stile war." „Lassalle wur ein energischer und geistreicher Mensch, mit dem sprechen sehr lehrreich war; unsere Unterredungkn iiaden stundenlang gedauert und ich habe immer bebauert, wenn sie beendet lvarcn. Dabei ist am1> 1,»richtig, daß ich mit Lassalle anScinandergekummen sein soll in dieser Art vvn Beziehungen versi'nlichen Wohlwollens, wie es sich zwischell uns gebildet batte, indem er offenbar den angenehmen 6indrnrk hatte, daN ich in ihm einen Mann von d>«äst sähe, mit dem zu verkehren angenehm lvar, und er seinerseits den angenehmen Eindruck hatte, dag ich ein intelligenter nn'o bereitwilliger Hörer fei'" „Hch bedanre, daß seine politische Stellung und die weinige mir nicht gestatteten, viel mit ihm zu verkehren, aber ich würde wich gefreut haben, einen ähnlichen Mann von dieser Begabung und geistreichen 'Jtatiir als 6m ts nachbarn haben. Fürst Bismorck hot den richtigen Ausdruck „liebenswnrdig" gebraucht. Hoch und schlank, mit krausem, üppigem und dichtem Haar, mit griechischer Rase und durch seilte jüdische Abkunft etwas Orientalisches in feinem Wesen zur Schall tragend, lvnßte Lassalle im Gespräch alle Welt zu bezaubern. Er besaß eilte gelehrte Borttehinheit, bereit Ueberlegenheit er gerne im gesellschaftlichen Verkehr empfinden ließ. Als Schriftsteller ist Lassalle eine Zierde unserer deutschen Literatur, und seine Reden verdielten vor allem die Lektüre. Seine Forschllllgetl gingeil immer ins Tiefe, dabei verstand'er seine Prinzipien mit bewundernswerter Klarheit allgemein verständlich auseinander zu setzen, ohne den geistigen Blütenftattb von ihren Schwingen abzustreifen. Eilt B olks tll atl n aber mit einem derben Organ und Tott in Gestell itnb Wesen ist er nicht gewesen, seilt Orgatt lvar wertig klangvoll ulld energisch °, es erhielt vielntehr durch die innere Vibrativll der Seele gleichsam einen Resonanzboden, urtd dabei verstand er. der seine Hörer geistig tnitarbeiten ließ, dieselben zu sich emporzuziehen. Er war eilt Volkstribun, der ben ihnl anläßlich eitler Prügelei mit einem Intendanturrat Fabriee geschetlktert Spazierstock Robespierres zeitlebens trug, aber er war ein Volkstribun in Glacehandschuhen, d. h. mit seinen aristokratischen Formen des Salons ein