KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 10-11 (1.7.1912)
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 208 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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208 AL (5. flibt dem <stAntöQcbiuifen damit eine Prägung, die dem gerade in neuerer Zeit stärker in den Vordergrund tretenden Ideal des Nationalstaates (der Zusammenfassung eines einheitlichen, innerlich geschlossene» Volkstums) naturgemäß schroff entgegensteht. Lcrgegemoärtigt man sich diese Sonderstellung des AL E.. so wird die tendenziöse Einseitigkeit mancher Ailfsäju: seines Organs verständlich. Namentlich gilt dies von den Aufsüben des Mürz- Heftes (2. Jahrgang'Nr. st). das als eine Art Fcstnummer die HK). Wiederkehr des Tages der Preußischen Indenemanzipation keiert i ein Gedenktag, an dem das preußische und deutsche Volk trotz seiner sonstigen Vegeisternng für geschichtliche Gedenktage dezeichnendenveise völlig teilnahmlos und schweigend vorübergegangen ist!l. Der lt.Niärz ISlü brachte den Erlass des preußischen Ediktes betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Inden", dessen 8 l den grundlegenden Sah enthielt: „Die in Unseren Staaten icl.it wohnhaften .... Inden sind für Einländer nutz preußische Staatsbürger zn achteil". An dieses geschichtliche Ereignis tnüpsen zwei Anssähe der genannten März-Nummer der „AL E.-Blätter" an; der erste Aufsatz, ..Jur Geschichte der Indenemanzipntion", befaßt sich in erster Reihe mit der Vorgeschichte der preußischen Indenemanzipativn und beleuchtet namentlich in interessanter Weise die geistigeil Strömungen und Gegenströmungen. die ihr voranfgegangen sind; der zroeite Aufsatz, „Die Emanzipation und wir", fragt nach den Folgen, die jenes Edikt cm vergangeneil Jahrhundert und für die Gegenwart gehabt und — nicht gehabt hat. Dilrch beide Aufsätze zieht sich die Feststellung. daß die Gleichberechtigung der jüdischen Nasse im preußischen und deutschen Volke heute zwar theoretisch und rechtlich (vor allem staatsrechtlich) anerkannt, in vielen Einzelheiten aber noch nicht praktisch dnrchgeführt ist. Daß dabei in Anlehnung an einen frühereil Autor u. a. der emphatische Vorwurf nnterläuft, diese noch vorhalldclle Zurücksetzung der Inden sei ein „Bruch der deutschen Treue", wird das deutsche Volk nicht weiter tragisch nehmen und einem gewissen, durch den festlicheil Anlaß bedingten uild erklärlichen rhetorischen Ueberschwauge zugute halten, zumal nicht recht dargetan wird, woraus eigentlich eine solche Trenverpflichtung sich herleiten sollte. Zugleich aber klingt durch diese Aufsätze die Hoffnung. daß das Jlldentnm entsprechend dem „unerhört raschen Aufstieg", den es im letzten Jahrhundert genommen hat. in naher Zeit den völligeil Sieg des Emanzipationsgedankens durchsetzen werde. Bei dieser Gelegenheit*) findet sich noch eine wirkungsvolle Zusammenfassung der AL E.-Gedanken, die gerade infolge ihrer knappen Formulierung diesen Standpunkt in seiner charakteristischen (ilnd anfechtbaren) Eigenart klar zum Ausdruck bringt: „Deutschland ist unser Schicksal! Wie nur wesensverwandte Seelen sich dnrchdringen können, haben die Seelen der deutschen Inden die tiefste» Emanationen der deutschen Volksseele in sich ausgenommen; selbst wenn wir wollten, wir kommen vom deutschen Wesen niemals los . . Die Emanzipationsfrage wird daun noch in einem dritten umfangreichen Aufsätze — „Bismarck und die Indenemanzipativn" — erörtert.**) Der Aufsatz kann jedenfalls feinen Anspruch darauf erheben, als eine Leistung einer einigermaßen objektiven Geschichtsforschung anerkannt zu werden; der Verfasser ist an seine Arbeit offenbar von vornherein in der Absicht herangetreten, Bismarck zum Hauptförderer der Iudenemanzipation'zn stempeln. Er unterscheidet in Bismarcks Stellungnahme zur Judenfrage drei Abschnitte: l. die „Jugend-und Junker- Periode" (etwa bis zum Jahre 1851), in der, wie der Verfasser selbst zugesteht, Bismarck dem Judentum und *) K. E.-Blätter. 2. Jahrg. S. 109. **) K. C.-Blätter. 2. Jahrg., Nr. 7 und 8. der Emanzipation offensichtlich scharf ablehnend gegenüberstand, 2. die Zeit von 185, l bis etwa 1878, in der Bismarck die Emanzipation geradezu systemati'ch förderte und „bestrebt war, die Juden zur politischen 'Mitarbeit auf der Basis voller Gleichberechtigung heranzuziehen", 8. die Zeit von 1878 bis 1890, in der Bismarck infolge der seit 1878 einsehcnden antisemitischen Bewegung dte Iudenemanzipation nicht mehr weiterführen fouiite, aber wenigstens tut stillen allen antisemitischen und antiemanzipatorischen Bestrebungen nach Kräften entgegenarbeitete. - Mit den offenkundigen antisemitischen Aeuße» rungen Bismarcks aus der ersten Periode (insbesondere mit der bekannten Rede vom 15». Juni 185,7 im vereinigten Provinziallandtag) findet sich der Verfasser sehr schnell und leicht ab: er erklärt sie als Aenßernuger« „eines in christlichkonservativen Anschauungen ausgewachsenen jungenManneS, der überdies gerade in jenen Jahren als verliebter Bräutigam und junger Ehemanll, und zwar sehr verliebter, in religiösen Fragen unter dem Einfluß seiner pietistischen und streng kirchlichen Braut nnd späteren Frau Johanna von Pnttkammer stand!" „Man könnte auch zum Verstäudnis dieser antisemitischen Veden Bismarck? die bekannte psychologische Inguisitionsfrage als Schlitnel benutzen: Oü cst la t'cminc?“ Das Viaterial, das der Verfasser dann riir die angeblich emanzipationssreundliche Tätigkeit Bismarcks in der Zeit von 185,1 bis 1878 beibringt, ist rei,blich dürftig. Die weittragendsten Schlüsse zieht er ans der Stellung Bismarcks zu einzelnen Juden, wie ttaffale. Laster. Bleichröder. Daß Bismarck als praktischer Politiker an diesen Männern uid)t völlig ablehnend vorübergehen konnte, ist doch eigentlich selbstverständlich. Der Verfasser scheint überhaupt dir sehr naheliegende Frage, inwieiveit der erste deutsche Reichskanzler sich bei seiner Stellung zum Judentum durch taktische Rücksichten und Einflüsse der Politik hat leiten lassen, gar nicht aufgeworfen und geprüft zn haben. Und doch ist gerade die Beantwortung dieser Frage von entscheidender Bedeutung für die Vvfnng des ganzen Problems. Es wäre im übrigen sehr dankenswert, wenn die Stellung Bismarcks zur Rassensrage einmal von einem andere», objektiveren Standpunkte und ans Grund eines noch vollständigeren Materials, als jener Aufsatz in den „AL E.-Blättern darbietet, erörtert würde. Dies wäre um so erwünschter, als anscheinend in jüdischen .streifen die Absicht besteht, ans dem durch diesen Aii"utz in den „AL E.-Blättern" eingesrhlagenen Wege sorl',:stahren nnd Bismarck endgültig zum Kronzeugen für de» Philoseuntisnlus zll proklamieren. Der Verfasser jenes Aussatzes kündigt für eine der nächsten Nummern der „st. E.-Blätter" einen Aussatz: „Bismarck als Vorbild der Inden im Emanzipakioilskamps" an. Eine Vorahnung der Dinge, die uns hier bevorstehen, bekommen wir scholl jetzt dadurch, daß der Verfasser znin Zeichen jener Seelenvenoandtschaft zwischen dem ersten deutschen Kanzler und dein AL C. das bekannteste Bismarckwort — umdickstet: „Wir deutschen Juden fürchten Gott, aber sonst nichts auf der Welk!" Von besonderem Interesse ist im Februar-Heft der „AL E.-Blätter" ein triumphierender Aufsatz über die Wahl des ersten AL E.ers in den deutschen Reichstag: es ist dies der Nechtsanwalt Dr. Haas, der im Reichstag den Wahlkreis Karlsruhe-Bruchsal vertritt und zu den bekannteren süddeutschen Führern der Fortschrittlichen Volkspartet gehört. Ter scharfe Gegensatz zwischen dem AL E. nnd dem „Bunde Jüdischer Korporationen". der dem Zionismus näher steht und in dem AL E. nur eine „Vorstufe zur Taufe" sieht, kommt in den „AL E.-Blättern" mehrfach zum Ausdruck. Dieser Zwiespalt in den Streifen der Mischen Akademiker ist schließlich nur ein Ausfluß der erbitterten Kümpfe, die in der Gegenwart die gesamte jüdische Wett durchziehen.