KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 4 (1.1.1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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und nicht nur der allein, gciiitßcub Gelegenheit findet, sich über Protektion, „pull", wie es drüben so anschaulich heißt, die gewöhnlich Sprösilinge nnd svlrstige Verwandte von Anssichtsräten nnd Großaktionären genießen, griindlich zit ärgern. Und darüber darf man sich auch keinen falschen Illnsionen hingeben: die ganz großen knnfnlännisch direktorialen Positionen nnd die dazn gehörigen glänzenden Einkünfte behält derAmerikalter lieber fiir sich. Nur in Ansnahmefällen erlangt sie ein Eingewnnderter. Die niüssen sich schorr mit Gehältern bis zu drei oder viertausend Dollars begnügen, die etwa einew Einkommen von K bis UUXX) Mark in Deutschland entsprechen, womit sich aber iu den mittleren und größeren Städten sehr angenehnr leben läßt. Es ist überlrieben, wenn in Europa erzählt wird, daß man drüben so leicht seine Stellung verlieren kann. Wer llicht ganz untüchtig ist, wird solange wie möglich gehalten, nnd nur in Zeiten starker wirtschaftlicher Depression kommen Massenentlassnngen technischer Beamten vor. Dann aber ist es keine Schande, sich irgend eine aridere ehrliche Arbeit zu suchen, sei es auch mit dem Spaten oder der Bergmannshaue in der .'omib. Ist es doch m Amerika jederzeit üblich, daß Studierende eines technischen Fachs in den Ferien die praktische Handhabung ihres späteren Berufs als einfache Arbeiter sich aneignen. Die beruflichen Aussichten sind also für beit gebildeten jüdischen Immigranten recht günstig und ebenso ist es das soziale Leben, das ihn erwartet. Der tu New Port Gelandete findet sich in einer Stadt, die um dem Allssehen nnd dem Getriebe nach Amerika, der Bevölkerung nach aber nur eine Vorstadt von Europa ist. Es wimmelt von Deutschell uub Juden aller Schattierungen und Gesellschaftsklassen, die meist selbst eingewalldert oder iu erster Generation im Lande geborell silld uub sich daher noch ihre heimische Art bewahrt haben. Der junge Jude, der sich dauernd m New Port niederläßt, wird daher, ebenso nue in den Großstädten der alten Heimat, sich seinen Verkehr in derjenigen Gesellschaftsschicht suchen föuuen, in die er hinein geklärt. Zum Englisch sprechen wird er im Familienuub Freundeskreise vielleicht nur wenig kommen. Ganz alldere Verhältllisse herrschen im Lande selbst, im eigentlichen Amerika. Hier hört lnail auf. mir Jude zu sein, da man nur noch der „Fvleigner", der „Ausländer" ist; und da man als Akademiker wohl meist den gebildeten Ständen augehört uub eine mehr oder welliger gute Erziehung genossen hat, so wird man nicht zu den .pmäesireä aüens", den „unerwünfchtell Fremdlingen" gezählt, svlldern es stehen einem die guten Gesellschaftskreise ohne Unterschied der Konfession offen. In den größeren Städten findet jeder in den „V. .VI. (. A’s.“ {Yotm^ men's Christian Association) angenehmen Klub aufenthalt und Gelegenheit zu sportlicher und geistiger Betätigung. In eineln Fall verdankt sogar ein richtiger K. Eer dieser Vereinigung feine erste Anstellung. Allerdings haben diese alnerikanischen „christlichen" Jung Männervereine nichts, außer dem dünnen, rnir den in Deutschland existierenden gemeillsanl. Das Aushängeschild des Christentums soll bei ihnen nur eine gewisse Wohlerzogenheit der Mitglieder. durchaus keine religiös chauvinistische Gesinnung ankündigen. Sie werden daher auch oft mit jüdischen! Gelde nnterstüht. ohne daß sich dabei der Geruch der Kirchenfensters! ifterei störend be merkbar uiacht. Natürlich braucht man im Verkehr mit amerikanischen Christen sein Jndentmn nicht etwa zu verleugnen: im Gegenteil, in einem Lande, in deni die Ncligionszugehürigkeir eine so große Nolle spielt wie drüben, gehört es geradezu zinn guten Ton. einen bestimmten Glauben zu bekennen. Lieber etwas zu viel als zu wenig. Aber das Judentum bedeutet drüben keine Schranke, die den Eintritt in die allgemeine gute Gesellschaft on wehrt. Ungleich größer und offen bekannt ist die Abneigung und das Mißtrauen der Protei:.inten gegen die Katholiken, und man kann oft Aeichernngen hören, wie man sie leider in Deutschland über die Juden gewohnt ist. Im Gegenteil hört man, sobald man erklärt, daß man Jude ist und es zu bleiben gedenkt, rvas zuweilen bei der Bekehrnngswut der Damen von nöten ist. daß die Inden ein geachteter nnd beliebter Volksbestandteil sind, und es wird gern nnd freiwillig anerkannt, daß sie zu den opfenvilligsten Patrioten gei'ören. Jüdische Nab btner sind als hervorragend Kanzelredner nnd Morallehrer berühmt; und ihre Freitagabendpredigten sind, sofern sie önentliches Interesse erregen, auch von Ehristen nnd christlichen Geist' liehen besucht. Inden spielen tut polnischen Leben eine große Nolle. Daniel Gugg-mheim ist Senator von Eotorado, bekleidet somit die höchste Würdenstellnng, die ein Staat vergeben kann, Nathan Strauß ist jetzt Gesandter in Konstantinopel, ttnd über seinen lauteren Charakter sowie seilte erfolgreiche Tätigkeit ist man im ganzen Lande des Lobes voll. Einett AntisemitiSntns ivie in Deutschland fenut man also in Amerika nicht. Wenn trotzdem behauptet wird, daß er drüben existiere, so ist das ein Irrtum, der sich dadurch erklärt, daß eine natürliche und selbstverständliche Abneigung gegen alle Fremdlinge niederer Kulturstufe herrscht.