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KC-Blätter · 1911-06-01 · Heft 9 (1.6.1911) · p. Seite 144

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Journal
KC-Blätter
Volume
1910-1911
Issue
Heft 9 (1.6.1911)
Date
1911-06-01
Page
Seite 144 (sequence 14)
Language
German
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144 cfc- ■■ ..- ■ - %=-■ ■ Wucher-- wttfi Nlättevschau. (y - ■■<^= - -- '=fca— ■■■:■ ■■■ ■■■■ ==0 . Ahasvers Ende. Vvn!)>-. Ltwald Iaff6 tLicariae) in Slcltin. Das Abstrakte war von jeher der Feind des Menschen. Sei es. das; sein Weist sich ans die Erfassung des Unsichtbaren mtb Ungreifbaren nicht zn konzentrieren vermag, oder es il)iu ,yt unbequem ist. sich immer voll bleuem der Mühe, cs zu bcgreisell. 511 unterziehen. Und besonders, wenn er an das Abstrakte glaubt und ihnl eine Macht zuschreibt, die von ihm ausgeht — vom Guten, zn belohnen, vonr Bösen 511 strafen — wo sott er da den Anfang suchen und wo den Kernpunkt und wo das Ende?. Ilm sie nicht zu verwischen, erseht er das Abstrakte durch Konkretes, jene sinnlichen Mächte durch greifbare Gestalten. So baute sich der Urmensch seine Götzen, er schnitzte sie in Holz, bemalte sie nlid erkannte sie an ihren Gesichtern wieder. So fand er feinen Kriegsgott, seinen Gott der Jagd, oder den Gott, der seine Saaten schlitzte. Die Heidenvölker des klassischen Altertunls schnitzten keine Götzenbilder mehr, aber sie hatten doch wenigstens noch ihre Götter, den Jupiter, Zeus, Wotan als langbärtige Riesen, Apollo, Merkur als Jünglingsgestalten, mit» die hehren Frauengestalten der Inno, Artemis mit» Fricka. Und die Völker des alten ulld neuell Testa meuts? Mag es and) einen großen geistigen Fortschritt bedeuten, daß wir weder Götzen noch Götter haben, viellnehr das Erhabene und Schölle, die Macht zu strafen und zn belohnen in der Gewalt eines Einzigen vereinigen, wenn wir, Kinder moderner Kultur, von diesem Allgewaltigen als von einem Gotte sprechen imb von einem Himmel, in dem Er thront, was bedeutet das anders, als daß wir das Abstrakte ersetzen durch Konkretes? Aber mich die Erscheinnngen der Geisteswett, denen wir eine Macht nicht zuschreiben, die nur etwas rein Tatsächliches bebenten, machen wir zn Erscheinungen in des Wortes wahrer Bedeutung, zu Gestalten. Deil Frieden und die Rache verkörpert der Engel mit dem Palmenzweig, den Unfrieden der wilde Jäger, der fliegende Holländer, Ahasver der ewige Jude. Wie ein Volkslied entsteht zu einer imlicstimmten Zeit und von einem Autor, über den mau höchstens sagen kann, daß er die Seele seines Volkes so verstanden haben muß, daß er für dessen Empfindung ein Lied dichtete, welches wie vom Volke selbst geboren erscheint, so tritt auch die Volkssage, lvie ans sich selbst geboren, nud als wäre sie schon seit unvordenklicher Zeit dagewesen, in die Erscheinung. Sic wuchert im Volke fort und nährt sich an dessen Romantik. Der Ehronist greift sie auf und schafft dadurch einen Anhalt für ihr Minimalalter. Man wird geneigt sein, die Zeit der Entstehnng der Sage vom ewigen Inden mit der Zeit des Antritts seiner Wanderung znsammenzulegen. Aber schon die Frage, wer ist Ahasver imb w e n personificiert er, verweist ans einen viel jüngeren Ursprung. Ahasver ist die Geschi ch te Israel.S in der Diasp0ra. Demzufolge fann die Lage auch erst zu einer Zeit entstanden sein, in welcher die Diaspora als ein übersehbares Ganzes, als ein Vollendetes in der Weltgeschichte eristiert. Es ist daher die Annahme vielleicht nicht unrichtig, daß der einige Jude erst seit dem Mittelalter wandert. Die sriiheften geschichtlichen Ueberliefernngen stammen ans noch viel jüngerer Zeit. . Ein Geschichtswerk non Roger nndWendower ans dem ltt. Jahrhundert erwähnt den ewigen Juden zuerst. Interessant ist dabei, das; Ahasver gar kein Jude fein soll, sondern ein heidnischer Türhüter namens EartnphiloS, der den zögernden Jesus vor; der Schwelle des Pilatus nüt Fnustschlügen vertrieben habe. Durch die Prophezeihnng des Gemißhandelten: „Ich gehe n n d D n in i r st n» a r ten, b i s i ch w i e d e r - komme", in Schrecken gesetzt, wäre er Jude geworden und hätte unter dem Namen Josef die Wanderung angetreten. Hieraus wurde dann der Hanptbeleg für die vereinzelt noch vertretene Allsicht gemacht, die Sage hätte, wie sie ja auch zweifellos gernlanischen Ursprungs wäre,. mit den Inden überhaupt nichts zn tun. Mag sein, das; sie germanischen Ursprungs lind der alten Göttersage vom wandernden Wotan nachgebildet ist, das spräche dann nitr für die Richtigkeit meiner Annahme, daß Ahasver die Geschichte der abgeschlossenen Dia« pora des jüdischen Volkes verkörpert. Dagegen spricht cs aber nicht, daß die Sage mit den Juden überhallpt etwas zu Um hätte. Geiviß es trifft nicht zll, daß die Juden vor ihrer Wallderuilg jemals Heiden gewesen wären, aber eine Sage hat dichterische Lizenz, den phantasicreichen Köpfen ihrer Erzähler und Nacherzähler war sogar die Spielart

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