Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 3 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Article
- Prof. Hilgard, Bekeley, über die Bedeutung der Böden trockener Zonen für die Kultur
- Date
- 1906-12-01
- Page
- Seite 373 (sequence 2)
- Language
- German
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— 373 — sache wiederzugeben. Ich bin sicher, dass er viele Leser von „Altneuland" interessieren wird. - „Es muss vielen höchst eigentümlich erscheinen, dass die alten Kulturvolker sich so häufig gerade dort niederliessen und entwickelten, wo die Natur ihnen anscheinend grosse Hindernisse in den Weg legte, indem sie ihnen die schwere Notwendigkeit der künstlichen Bewässerung auferlegte. Für die Bevorzugung trockener Gegenden bei der Ansiedelung lassen sich in der Geschichte aller Weltteile zahlreiche Beispiele anführen. Hauptsächlich finden wtr solche Beispiele aber in Asien, dem vermutlichen Geburtsland der Menschheit. Der regenarme (oder doch periodisch regenarme), bewässerungsbedürftige Gürtel erstreckt sich von Aegypten, Syrien und Palästina über viele Länder, und teils solche mit uralter hoher Kultur, bis zum fernsten Osten. Manche dieser waldleeren und anscheinend öden, unfruchtbaren Länder sind oder waren dicht bevölkert, aber zur Erhaltung der Bevölkerung waren oft grosse und kostspielige Bewässerungsanlagen notwendig. Dem gegenüber sehen wir manche regenreiche, mit Wäldern gut besetzte und anscheinend ausserordentlich fruchtbare Distrikte auffallend lange von der Besiedelung ausgeschlossen. Auch in der neuen Welt ist es nicht anders. Es waren nicht die Ebenen und Wälder des Orinoco und des Amazonenstromes, sondern die ariden Westabhänge der Kordilleren, wo die Zivilisation sich entwickelte. In Mexiko war es das regenarme und bewässerungsbedürftige Hochplateau, nicht die fruchtbare und üppige Tierra caliente» wo die Azteken in ihrer Blütezeit herrschten. Aehnlich war im jetzigen Gebiet der Vereinigten Staaten die Lage der Dinge. Ueberall entwickelte sich in den trockeneren und scheinbar ärmeren Gebieten die Kultur zuerst. Worin ist die Ursache dieser Erschetnung zu suchen? Nach sorgfaltiger Prüfung scheint mir, dass die Antwort nur lauten kann: In der den Böden der ariden Regionen eigenen grösseren und dauernderen Fruchtbarkeit! Das klingt paradox, aber dennoch ist es richtig, auch wenn man nicht verkennen darf, dass in Ansiedlungsfragen stets noch andere Punkte, so die Gesundheitsverhältnisse einer Gegend und die Möglichkeit leichter Urbarmachung (Fehlen oder Vorhandensein von Wäldern) eine grosse Rolle spielen. Der grössere Reichtum der Böden trockener Zonen erklärt sich schon durch die Vorgänge bei der Bildung des Bodens; er lässt sich wissenschaftlich erklären, aber wichtiger ist, dass auch die Beobachtung in der Praxis meine Behauptung bestätigt. Die behaupteteTatsache beruht zu einem grossen Teile darauf, dass in den trockenen Gegenden, wenigstens während der Hauptvegetationszeit und während der Haupttätigkeit im Boden, dieser nicht so ausgelaugt wird, wie in den feuchten Gebieten, mithin an seinem natürlichen Reichtum keine, oder doch nur eine geringe Schädigung erleidet. Das Ergebnis meiner vergleichenden Untersuchung einer grossen Anzahl von Böden der ariden und der humiden Regionen Nordamerikas ist das folgende: Alle Böden der ariden Regionen sind verhältnismässig reich an Kalk und Kali; in der Regel sind auch Nitrate in ansehnlicher Menge vorhanden, und im Durchschnitt ist ferner der Gehalt an Phosphorsäure mindestens ein ebenso grosser wie in den Böden der feuchten Distrikte. Dann ist wesentlich, dass der Reichtum an Pflanzennährstoffen zumeist bis zu einer grossen Tiefe hinabreicht. Ueberhaupt ist die Art des Untergrundes chemisch wie physikalisch häufig eine sehr vorteilhafte, sodass die Pflanzenwurzeln nicht blos auf den Oberboden angewiesen sind.