Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 3 (1906)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1906)
- Article
- Der "Bezalel" in der hl. Stadt
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 184 (sequence 1)
- Language
- German
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— 184 — PALAESTINA UND NACHBAROEBIETE. Der „Bezalel" in der hl. Stadt. Wir erhalten von Herrn Dr. Grünhut aus Jerusalem folgende Darstellung des gegenwärtigen Zustandes dieser Institution: Eine der grossartigsten Schöpfungen, die Jerusalem in neuerer Zeit erlebt, ist, man darf es rüchkaltslos schon heute aussprechen, unstreitig die Kunstgewerbeschule, deren Zustandekommen wir in erster Linie dem Verein, dessen Namen sie führt, in zweiter aber dem rastlosen Eifer ihres Leiters, des Herrn Prof. Boris Schatz, der von dem bekannten Kunstmaler Herrn Lilien wacker unterstützt wird, zu verdanken haben. Ich kann deren Leistungen bis heute nur annähernd schildern; um die Anstalt dem ganzen Umfange nach zu würdigen, muss man sie mit eigenen Augen gesehen haben. Aber auch das wenige, was ich hier vorbringen werde, dürfte schon genügen, diese unveigleichliche Schöpfung der öffentlichen Meinung näher zu bringen. In dem Abessinier- oder Habescher-Gässchen, wie es schlechtweg genannt wird, nördlich von der hl. Stadt gelegen, das ein Rechteck bildet, erhebt sich hinter der gleichnamigen Kirche, der gegenüber das deutsch-evangelische archäologische Institut sich befindet, ein stattliches einstöckiges Gebäude, ein Neubau, dessen südliche Umfassungsmauer an den Kaiserplatz grenzt. Es hat einen doppelten Zugang: den einen an der West-, den anderen an der Nordseite. In der ganzen Umgegend, fernab vom Stadtgetriebe, herrscht eine feierliche Stille. Hier der weite eingefriedete pflanzenlose Hof, aus dessen Mitte die rundförmige in eine Kuppel auslaufende Kirche mächtig in die Höhe emporragt; dort weiter das Wohnhaus der „Schwarzen", welche den Tag über auf der Terrasse kauernd und schweigend den sengenden Strahlen tapfer standhalten, noch weiter östlich — wie verändert sich mit einem Schlage die ganze Szenerie! Die Doppelinschrift in hebräischer und deutscher Sprache an der Tafel, welche über dem Balkon angebracht ist, kündigt uns an, dass wir uns dem „Bezalel" gegenüber befinden. Wir passieren das Nordtor. Gleich links stossen wir auf eine Holzbude, in der ein lustiges Feuer unterhalten wird. Ein schweissbedeckter Peothjude mit aufgestülpten Aermeln rührt emsig in dem siedenden Kessel um, neben ihm zwei junge Gehilfen, deren Schläfen gleichfalls geschnörkelte Löckchen zieren, die des Meisters Weisungen schweigend und pünktlich ausführen. Es ist die Werkstätte der Färberei, in der das Garn und die Wolle zubereitet werden, welche in der Teppichknüpferei zur Verwendung gelangen. Seitab, hinter einem weitverzweigten Feigenbaum, dem leider einzigen Laubwerk auf dem ganzen Terrain, eine Gruppe junger Mädchen, welche mit Spinnen und Spulen sich beschäftigen. Im Souterrain befindet sich die Gipsgiesserei, welche vorläufig fünf Schüler beschäftigt. Wie alle andeien, werden natürlich dieselben im Zeichnen unterrichtet. Ihr Lehrer im letzteren Fache ist Herr Rothschild. Auf dem einen Flügel des Erdgeschosses sind Ateliers für Malerei, Zeichnen, Gipszeichnen und Modellieren eingerichtet, während den anderen Flügel die Teppichknüpferei einnimmt. Den Unterricht in der Teppichknupferei erteilt ein gewesener Schüler des Herrn Prof. Schatz, welchen er aus Bulgarien kommen Hess. Die Dessins der Teppiche sind ausschliesslich jüdischen Motiven entlehnt. Ein völliges Kunstmuseum stellt das geräumige Vorhaus dar. Die Wände zieren Glasschränke, die kostbare Antiquitäten, wie alte Münzen und was dergleichen mehr ist, bergen, während über demselben Kunstwerke mannigfachster