Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 3 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- Orientbanken [Nachricht]
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 124 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2266000-2266027-2266032--1723-2268230- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 124 — „Nationalstolz" von ihren Gläubigern, namentlich von den deutschen, nichts wissen wollen, so musste die griechische Nationalbank sich von der Gründung eines deutschen Instituts in Athen vor der Hellenenschaft gleichsam entschuldigen und ihre Beteiligung mit patriotischen Gründen rechtfertigen. Die Orientbank, die mit einem Kapital von 10 Millionen Mark ausgestattet wurde, errichtete Filialen in Konstantinopel, Smyrna, Saloniki, Alexandrien und Kairo, ausserdem eine Zweigniederlassung in Hamburg, deren Hauptzweck war, die mit der Deutschen Levante-Linie angeknüpften Beziehungen zu pflegen. Auch dagegen war nichts zu sagen. Hamburg ist der wichtigste Ausgangspunkt für den gesamten deutschen Handel mit der Levante; und die mit der Hamburg—Amerika-Linie eng verbundene Deutsche Levante-Linie ist die für diesen Verkehr wichtigste Vermittlerin. Dass die Orientbank sich durch Vertrag die Benutzung der mehr als 50 Häfen umfassenden Organisation der Levante-Linie zu sichern vermochte, war also kein übler Schachzug. Schon im November 1905, also etwa 10 Monate nach Beginn ■der eigentlichen Orientbankarbeit, vernahm man aber, der Konzern Dresden- Schaaffhausen wolle im Bunde, mit der Nationalbank eine neue Orientbank mit dem Hauptsitz in Berlin errichten. Das ist nun wirklich geschehen und hat einiges Staunen erregt. Das neue Institut übernimmt in Konstantinopel und Hamburg die Niederlassungen der Orientbank, richtet Zweiganstalten in Alexandrien und Kairo •ein und bereitet ausserdem die Bildung von Lokalkomitees in diesen Orten vor. Für die Aktionäre der Nationalbank wäre zunächst wichtig, zu erfahren, ob die 5 Millionen, mit denen ihr Institut sich an der ersten Orientbank beteiligt hat, vollständig aus dem Unternehmen wieder herausgezogen werden, oder ob vielleicht ein Teilbetrag investiert bleibt, und ob für den Fall der Rückzahlung die hier unentbehrlichen Garantien geboten sind; bleibt die Nationalbank beteiligt, so muss für eine ausreichende Vertretung der deutschen Interessen im Verwaltungsrat der Orientbank gesorgt werden. Aus einem deutsch-griechischen ist •ein panhellenisches Unternehmen geworden; da muss etwa beteiligtes deutsches Kapital mit doppelter Vorsicht gehütet werden. Die Personalveränderungen sagen darüber noch nicht genug. Aus dem Aufsichtsrat scheiden zwei deutsche Mitglieder; für sie kommt als Ersatz ein Gouverneur der griechischen Nationalbank und der griechische Generalkonsul in München, Herr Lohr, Direktor der Bayrischen Handelsbank, in Betracht, von dem man kaum besonderes Interesse für die Aktionäre der Nationalbank erwarten darf. Einstweilen sieht die Sache wie ein kleines Fiasko der Nationalbank aus, der mit eigenen Mitteln die Eroberung der Orientländer wohl nicht glücken wollte. Offiziell heisst es, die Teilung sei durch Rangstreitigkeiten nötig geworden. Man habe den griechischen und deutschen Konsortialen völlige Gleichheit zugesichert, doch versprochen, in Geschäftsführung und Verwaltung solle das griechische Element überwiegen. Diese Abmachung erwies sich auf die Dauer als undurchführbar; Herr Witting hatte wohl nicht Lust, Ja und Amen zu allem zu sagen, was die schlauen Griechen beschlossen. Er versuchte, allmählich ein deutsches Uebergewicht herzustellen, und kam dabei mit den Athenern in Konflikt. Das war vorauszusehen, und deshalb durfte man den Hellenen nicht die Oberhand lassen. Mit der Konkurrenz der griechischen Nationalbank wäre man schliesslich wohl auch auf andere Weise fertig geworden, und die Rivalität der Kaiserlich Osmanischen Bank in Konstantinopel wäre durch ausreichendes Kapital stets zu bekämpfen gewesen. Doch das Kapital reichte eben nicht aus, und deshalb kam der Rangstreit und der Wunsch des rührigen Konzerns Dresden-Schaaffhausen der Nationalbank für Deutschland sehr wohl gelegen. Sie konnte einen ehrenvollen Rückzug antreten und nun im Bunde mit der an