Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 3 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- Der türkisch-ägyptische Grenzstreit [Nachricht]
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 119 (sequence 4)
- Language
- German
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— 119 — :sich vor einigen Wochen bereit erklärt hat, die Grenzen zwischen türkischem und ägyptischem Gebiet auf Sinai durch eine gemischte Kommission festsetzen -zu lassen. Wäre der englisch-ägyptische Rechtsanspruch so unbestreitbar, wie Sir Edward ihn darstellte, so hätte in London wie in Kairo gewiss nicht die .Neigung bestanden, sich einer ungewissen Kommissionsentscheidung zu unterwerfen. Was aber die Türken betrifft, so hätte es ihren Interessen bestimmt nichts geschadet, wenn sie bis zur endgültigen Grenzfestsetzung ihre kleine •Garnison aus Taba zurückgezogen hätten. Was tun aber die erleuchteten türkischen Staatsmänner? Sie lassen, trotz des gegebenen Versprechens, ihre Truppen in Taba weiter garnisonieren, brechen also ohne den geringsten Versuch einer Rechtfertigung das gegebene Wort; und die türkischen Grenzregulierungsr Kommissare reisen nach Kairo, bleiben fast zwei Wochen dort, ohne sich mit den ägyptischen Kollegen in Verbindung zu setzen oder sonst ein amtliches Lebenszeichen von sich zu geben, und fahren sodann stolz allein nach Akaba weiter. Mit der Grenzregulierung ist es also nichts, und die Türkei hat wieder •einmal mit erprobter Virtuosität sich selbst ins Unrecht gesetzt. In England hat mau aus dieser durch türkisches Verschulden hervorgerufenen Aenderung der :Sachlage natürlich schleunigst ausgiebigen Nutzen gezogen. Man hat die Behauptung verbreitet, die Türkei habe den Grenzregulierungsplan mit Vorbedacht fallen lassen, habe überhaupt nie im Ernst an eine Regulierung gedacht, weil es in ihrer Absicht liege, den mit der englischen Okkupation unzufriedenen ägyptischen Eingeborenen durch eine Invasion zu Hilfe zu kommen und Aegypten von den britischen Eindringlingen zu säubern. Daher die Verstärkung der militärischen Position in Akaba und die Schaffung neuer Positionen im Sinafgebiet. Dass der Sultan auch nicht im Traum an ein solches Abenteuer denkt, weiss man in England wie in Aegypten ganz genau; aber der beabsichtigte .Zweck, die öffentliche Meinung gegen die Türkei aufzureizen, ist durch die Verbreitung dieses Märchens doch erreicht worden. Die türkischen Staatsmänner, -die es schon vor Wochen in der Hand hatten, den ganzen Zwischenfall in einer ihren Interessen entsprechenden Weise zu beendigen, haben also mit ihrer eigentümlichen Staatskunst die Position Englands gestärkt, welches sich jetzt einerseits auf seine Bereitwilligkeit, die Grenzfrage endgültig zu regeln, andererseits auf die Unzuverlässigkeit der türkischen Politik berufen kann. Die Akabafrage hat sich aber inzwischen zu einer allgemeinen Sinaifrage ausgewachsen. Die „Vossische Zeitung" vom 19. April übermittelte eine Notiz der „The Tribüne" aus Kairo, dass der ottomanische Kommissar in Aegypten, Mukhtar Pascha, im Namen der türkischen Regierung die Berechtigung zur Besetzung aller Posten auf der Sinaihalbinsel südlich und östlich von einer von Arisch nach Suez gezogenen Linie, sowie zum Bau einer Bahn von Akabah nach Suez beansprucht. Die ägyptische Regierung lehnt diese Forderung nachdrücklich ab. Daraus ist zu ersehen, dass die türkische Regierung nicht so leicht sich bewegen lassen wird, in dieser Frage nachzugeben. Englischerseits wurde grade jetzt der Beschluss gefasst, das Okkupationskorps in Aegypten zu verstärken. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Massnahme mit der Verschärfung <der türkisch-ägyptischeu Grenzfrage zusammenhängt. Die weitere Entwicklung «dieser Angelegenheit könnte uns noch manche Ueberraschung bringen.