Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 3 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Article
- Syrien als Wirtschafts- und Kolonisationsgebiet
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 43 (sequence 11)
- Language
- German
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— 43 — meter -- imstande sein, eine Auswanderungsbewegung dauernd zu nähren? Was aber das schon stärker bevölkerte Anatolien (Kleinasien) betrifft, so gehen die Bewohner der angrenzenden Gebirgslandschaft wohl ebenso wie die Kurden als Saisonarbeiter nach Syrien, kehren aber fast sämtlich nach der Ernte wieder in ihre ihnen mehr zusägenden Gebirgslandschaften zurück. Ist also bei den jetzigen Zuständen Syriens eine Volksvermehrung weder durch Geburtenüberschuss noch durch Einwanderung zu erwarten, im Gegenteil, wohl eher noch eine langsame weitere Abnahme, so würde sich das mit einem Schlage ändern, wenn eine umfassende Reform der inneren Verwaltung stärkeren Anreiz für Einwanderung gewähren würde. Mit Freuden würden Millionen von Bekennern des Islam aus Russland und den Balkanstaaten sich der Türkei zuwenden, wenn sie in wirtschaftlicher Beziehung annähernd gleiche Chancen daselbst haben würden. Da das Land nun an sich ihren Heimatsländern mindestens gleichwertig ist, so würden die nötigen Reformen, auf die wir später zurückkommen werden, ihnen schon bald die Uebersiedelung wünschenswert erscheinen lassen. Eine Kolonisation im grossen Hesse sich dann mit Leichtigkeit mit dem Bahnbau, speziell der-Bagdadbahn und der Strecke Aleppo—Hamä, verbinden, da sich hier grosse Gebiete finden, die sich nicht nur zum Getreidebau, sondern auch für die Baumwollkultur gut eignen. Neben den als Bauern sich vorzüglich eignenden Krimtataren kämen hierfür speziell auch die transkaspischen und transkaukasischen Mohammedaner iri Betracht, die zum Teil schon mit dem Baumwollbau vertraut sind. Auch für die südrussischen Ackerbau treibenden Juden, die ja in ihrer Heimat nicht die Erlaubnis haben, zu den ihnen in der Mitte des vorigen Jahrhunderts angewiesenen, viel zu klein gewordenen Kolonien neues Land hinzuzukaufen, wäre dies ein ausgezeichnetes Kolonisationsgebiet, ebenso für Neusiedelungen der in die russischen und polnischen Ghetti eingepferchten Juden mit Hilfe der Wohltätigkeitsgesellschaften wie die Baron H i r s c h- Stiftung. Auf diese Weise würden sich bald die Eisenbahnen durch wertvolle Frachten, wie Weizen, Gerste und Baumwolle bezahlt machen, und dadurch der Sultan von der grossen Sorge der Aufbringung der Kilometergarantien oder der Zinsen der zu dem Zwecke des Eisenbahnbaues aufgenommenen Anleihen befreit werden, (Fortsetzung folgt.)