Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 3 (1906)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1906)
- Article
- Das lateinische Patriarchat zu Jerusalem [Nachricht]
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 4)
- Language
- German
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- 32 — reicht ihm Weihwasser und geleitet ihn auf einen besonderen Platz im Chore, während der Feier wird er mit dem Rauchfass inzensiert; an den Zeremonien nimmt er mit Gefolge teil. Vor mir liegt gerade der Bericht über die letzte deutsche Pilgerreise vom Kölner Dom zum Grabesdom von dem Kölner Architekten Jak. Marchand, der über die Karfreitagsfeier in der Grabeskirche wie folgt berichtet (S. 34): „Auch den anwesenden deutschen Pilgern wurde gestattet, nach der Enthüllung des Kreuzes auf Golgatha, welches zuerst von den Geistlichen und sodann von dem französischen Konsul mit seinem Gefolge geküsst wurde, zu verehren. Ich muss sagen, dass es auf uns Deutsche einen sonderbaren Eindruck machte, dass der Vertreter der Nation dort auf Golgatha das Kreuz küsste, welches in seinem Heimatlande an demselben Tage und zur selben Stunde von seiner Regierung gesetzlich aus den Gerichtssälen entfernt wurde." Auch die anderen katholischen Konsuln haben einige Privilegien dieser Art. Dies möge indessen zeigen, wie Frankreich an alle Zugeständnisse, wenn sie auch nur äusserer Art sind, festhält, weil sie gerade auf den Orientalen einwirken. Sollte es da nicht möglich, ja sogar ratsam sein, dass auch einmal ein katholischer deutscher Konsul statt in der von den Orientalen nicht besuchten protestantischen Erlöserkirche an den Feierlichkeiten in der Grabes- oder Patriarchatkirche teilnehme und so den Orientalen zeige, dass Deutschland kein protestantischer Staat ist? Jede, konfessionelle Einseitigkeit bedeutet im Auslande und speziell im Orient eine Ausscheidung des Deutschen Reiches, des deutschen Namens und des deutschen Einflusses aus dem Wettbewerb der christlichen Nationen in der Förderung der Zivilisation und des Christentums. Und noch eines: Die bei den Orientalen in hohem Ansehen stehenden deutschen Missionare, welche seit Jahrzehnten gerade in Jerusalem so segensreich auch für den deutschen Namen wirken, sind in der Mehrzahl aus dem deutschen Vaterlande verbannte Ordenspriester. Nur der Name des Lazaristenpaters Schmidt von Jerusalem sei genannt. Als sich der Kulturkampf auf unsere Orden stürzte und von deren Mitgliedern behauptet wurde, sie seien vateiiandslos, weil sie von vornherein und schon kraft ihres Gelübdes aufs Vaterland verzichteten, haben wir entrüstet protestiert und dargetan, dass unsere Ordensleute mit derselben Liebe und Hingebung an ihrem Vaterlande hingen wie wir alle, und dass sie ihre Nationalität nicht anders als jeder andere deutsche Staatsbürger, nämlich durch freiwilligen Verzicht, aufgäben. Welchen Eindruck muss es auf die orientalischen Religionsgemeinschaften machen, wenn man hört, dass dieselben Leute, die für Deutschland wirken, vom Vaterlande ausgeschlossen sind. Eine solche Erwägung dürfte eher abschrecken, in irgend einer Sache das Protektorat Deutschlands anzurufen, abgesehen von der Inkonsequenz, einen als vaterlandslos verwiesenen Ordensmann noch als deutschen Reichsangehörigen schützen zu wollen. Deshalb keine Ausnahmegesetze gegen irgend eine katholische Ordensgenossenschaft. Nur eine volle Geltendmachung des paritätischen Charakters unseres eigenen Staatslebens im Inlande und Auslande und eine volle und ganze Ueberzeugung, dass die katholischen Interessen im Orient und im Heiligen Lande Reichsinteressen im eminenten Sinne des Wortes sind, kann die Aussicht begründen, dass in jenen Ländern das Deutsche Reich unter allen anderen Nationen einen seiner Macht und seiner Bedeutung entsprechenden EinflLuss auf die Geschicke der dortigen Völker dauernd ausüben wird." Verantwortlich für den redaktionellen Teil von „Altneuland* Dr. S. Soskin, Berlin. Drnck von Pass & Garleb G.m.b.H., Berlin W. 35, Steglitzerstr.il.