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Altneuland · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. Seite 27

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Journal
Altneuland
Volume
3 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
Zehnten und Eisenbahngarantien in der Türkei [Nachricht]
Date
1906-01-01
Page
Seite 27 (sequence 2)
Language
German
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— 27 — Staatssäckel höheren Gewinn bringenden willkürlichen Verfahren ist es bis heute verblieben. Man wird sich nicht unschwer eine Vorstellung davon machen können welchen Bedrückungen der Landmann wehrlos ausgesetzt ist, damit der durch staatliche Autorität gestützte, nur auf die Dauer eines Jahres bestätigte Zehntenpächter und dessen Organe sich sehr schnell bereichern, um so mehr, wenn man bedenkt, dass jeder derselben zunächst die behufs Erlangung seines Postens aufgewendeten erheblichen Spesen — oder, wie der Fachausdruck lautet, „depenses utiles" — zu decken bestrebt sein muss. Ist es schon unzutreffend, die auf den Bodenprodukten ruhenden Abgaben als „Zehnten" zu bezeichnen, da dieselben infolge offizieller Aufschläge (1% für die Agrarbank, 1/2°/o ^r den öffentlichen Unterricht, 0,6 °/0 für Zwecke des Heeres) 12% des Ernteertrages ausmachen, so ist es wohl nicht zu hoch gegriffen, wenn die seitens der Ackerbauer an die Zehntenpächter entsprechend der Entfernung von der Zentralgewalt zu entrichtenden Leistungen auf 20—30% der Ernte veranschlagt werden. Unter solchen Verhältnissen kann es nicht wundernehmen, wenn die Anbaufläche des Landes selbst dort, wo Kommunikationswege geschaffen wurden, nur wenig an Ausdehnung gewinnt und die Produktion des eigenen Bedarfes zumeist nicht überschritten wird. Obgleich die Türkei von den europäischen Mächten stetig gedrängt wird. Reformen einzuführen, muss billigerweise zugestanden werden, dass die ottomanische Regierung von den raterteilenden Stellen bei der Lösung ihrer Aufgaben nicht selten behindert wird. So scheint es auch jetzt bei der Regelung der Zehntenfrage zu sein, die unstreitig durch Ausschaltung der Pächter und unter der Voraussetzung, dass die Einhebungsbeamten angehalten werden, ihres Amtes in rechtlicher und gewissenhafter Weise zu walten, einen Fortschritt in dem Sinne bedeuten dürfte, dass die wirtschaftliche Lage der Ackerbauer, die den weitaus grössten Teil der Bevölkerung ausmachen, eine wesentliche Besserung erfahren würde. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass infolge dieser Massnahme wenigstens zunächst die solchergestalt auf eine für die gesunde Entwickeluug der Landwirtschaft erforderliche Basis zurückgeführten Zehntenerträge geringer ausfallen werden wie bisher. Und in dieser Befürchtung wurzelt der Widerstand, der „seitens des Verwaltungsrates der Staatsschuld (Dette Publique Ottomane) der Neuordnung der Dinge entgegengesetzt wird. Bekanntlich hat die Türkei den grössten Teil der Zehnteneinnahmen zur Sicherstellung ihrer zugunsten der Eisenbahnen übernommenen Garantieverpflichtung verpfändet, und der Verwaltungsrat der Staatsschuld hat unabhängig von seinem ursprünglichen Wirkungskreis sich in weitgehendem Entgegenkommen bereit finden lassen, für Rechnung der Eisenbahngesellschaften die Einkassierung vorzunehmen. Wie bedeutend dieselben sind, erhellt aus der Tatsache, dass der türkische Staat beispielsweise im Jahre 1900 bei einem Netz von 2 270 km garantierter Eisenbahnen, welche eine Bruttoeinnahme von nur Fr. 15 004 000 erbrachten, Fr. 18 750 000 ans den Zehnteneinnahmen zuschiessen musste, um die Zinsen vollzumachen. Immerhin dürfte der durch Aenderung des Einziehungsmodus entstehende Ausfall nicht so einschneidend sein, dass der gesicherte Eingang der für die Garantiezahlungen erforderlichen Beträge in Frage gestellt wird. So erscheint der seitens des Verwaltungsrates der Staatsschuld zugunsten der Eisenbahngesellschaften eingelegte Protest nicht voll gerechtfertigt und geeignet, reformatorische Massnahmen, zu denen der Orientale sich von Haus aus nur schwer entschliesst, hintanzuhalten.

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