Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1905)
- Article
- Jugendpflege
- Date
- 1905-11-01
- Page
- Seite 337 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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— 337 — Sprachen, wie sie in der Oberklasse der Lämelschule angebahnt schien, abgesehen hat. Viel zinsentragender wird es sein, allen Nachdruck auf die praktischen Unterrichtsversuche und Lehrproben zu legen, welche für die beiden letzten Jahre vorgesehen sind. Namentlich das letzte Jahr muss vorwiegend unter dem Gesichtspunkt der Praxis stehen und kann neben der Anleitung zum Unterrichten in den verschiedenen Fächern d. i. der Methodik nicht genug Gelegenheit zu selbständiger Uebung und Verwertung des Gelernten bieten. Gerade an diesem „Schulhalten4' fehlt es des öfteren, wo man neuerdings seine Aufmerksamkeit der theoretischen Lehrerbildung zugewandt hat, wie z. B. in dem jüngst eingerichteten College der Engländer. Die Gelegenheit hierzu ist den Zöglingen durch die Angliederung des Seminars an die Volksschule aufs beste gegeben; das hier geknüpfte Band kann nicht verfehlen, auf beide Anstalten eine segensreiche Rückwirkung auszuüben. Auf das Seminar einerseits, das an der Schule die unerlässliche Uebungsstätte hat und deren Erfahrungen bei der Kontinuität der Leitung nutzbringend verwertet. Auf die Schule andererseits, da die Lehrer derselben ihre Schüler kennen und die geeigneten Elemente unter ihnen bereits zeitig auf ihre hohe Aufgabe vorbereiten, alle nach sittlicher Haltung oder geistiger Befähigung ungeeignete Elemente dagegen von der Bildungsstätte fernhalten können. Die Aufgabe des Seminars ist nämlich noch eine höhere als allein die der Unterrichtsbefähigung. Der Zögling muss in diesen Jahren nicht bloss zu einem tüchtigen Lehrer, sondern in erster Linie zu einem geschickten und weisen Erziieher herangebildet werden, der die ihm anvertrauten Kinder sittlich zu beeinflussen vermag und dadurch, soweit an ihm ist, die üblen Einflüsse eines zerrütteten Familienlebens paralysiert. Welch eine neue Verantwortung der Anstalt dadurch aufgelegt wird, bezeugt ein Wort des Jubilars Adalbert Stifter:: „Der Unterricht ist viel leichter als die Erziehung. Zu ihm darf man nur etwas wissen und es mitteilen können, zur Erziehung muss man etwas sein." „Etwas sein" — darin besteht das1 Geheimnis alles Erfolges, auch auf dem Erziehungsgebiet. Darum ist es die Aufgabe der Lehrerbildungsanstalt, Persönlichkeiten zu bilden, charakterstarke Männer mit tiefsittlichen Grundanschauungen. Intelligenzen ohne Moral kömnen der Schule und Jugend ein Fluch werden. 3