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Altneuland · 1905-09-01 · Heft 9 (September 1905) · p. Seite 277

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Altneuland
Volume
2 (1905)
Issue
Heft 9 (September 1905)
Article
Deutsche Kolonisations-, Wirtschafts- und Kulturbestrebungen im türkischen Orient
Date
1905-09-01
Page
Seite 277 (sequence 10)
Language
German
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— 277 — keit und Wissenschaft für die Türkei sein oder werden mag, der Nutzen hieraus wird für Deutschland doch ein relativ geringer bleiben müssen, weil die deutsche Sprache nie und nimmer dort Eingang finden wird. Für absehbare Zeit wird für Kleinasien und Armenien stets neben Griechisch und Armenisch die türkische Sprache die Herrschaft behalten, ebenso wie in Syrien und Mesopotamien die arabische Sprache Herrin bleiben wird, neben Chaldäisch, Hebräisch etc. Wenn überhaupt eine europäische Sprache dort dauernd Fuss fassen wird — was übrigens zu bezweifeln ist —, so wird es nur die französische sein, die nicht nur in den ja an Bedeutung und Zahl weit überwiegenden französischen Schulen, sondern auch in den deutschen, englischen und italienischen Schulen aus praktischen Gründen neben der Hauptsprache gelehrt wird. Weder die deutsche, noch die englische, noch die italienische, noch die russische, noch auch die von den jüdischen Spaniolen fSephardim) gesprochene spanische Sprache werden im türkischen Orient eine Zukunft haben, und ebensowenig das von den neu eingewanderten Aschkenasim noch viel gesprochene Jüdisch-Deutsch, da schon jetzt der Nachwuchs mehr Türkisch resp. Arabisch und Hebräisch spricht als Jargon. Es sollte deshalb auch gar nicht das Ziel der Deutschen sein, für ihre Sprache Propaganda zu machen; wenn für diese Bestrebungen der angeblich englische Satz „Die Flagge folgt der Sprache" angeführt wird, so gilt dieser Satz, wenn er überhaupt richtig ist, doch nur für primitive Völker, die ihre wenig entwickelten und meist nur über kleine Distrikte verbreitete Sprachen relativ leicht gegen fremde Idiome austauschen, nicht aber für alte Kulturvölker, die ihre eigenen, fein ausgebildeten und durchaus entwicklungsfähigen Sprachen besitzen und über grosse und alte Literaturen in ihren eigenen Sprachen verfügen. Die Flagge folgt vielmehr in politischer Beziehung der grösseren Macht, in kommerzieller Beziehung der grösseren Tüchtigkeit und Rührigkeit. Kulturell und wirtschaftlich kann also Deutschland für die Türkei von höchster Bedeutung werden und wird auch seinen Lohn dafür in regem wirtschaftlichen Verkehr erhalten; dass Deutschland aber den türkischen Orient in kultureller, sprachlicher oder politischer Beziehung erobern könnte, oder dass es auch nur in kommerzieller Beziehung ein grosses Uebergewicht über die konkurrierenden Nationen erlangen wird, ist nach allem, was wir gesehen haben, im höchsten Grade unwahrscheinlich.

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