Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Deutsche Kolonisations-, Wirtschafts- und Kulturbestrebungen im türkischen Orient
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 268 (sequence 1)
- Language
- German
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— 268 — DEUTSCHE KOLONISATIONS-, WIRT¬ SCHAFTS- UND KULTURBESTREBUNOEN IM TUERKISCHEN ORIENT. Von Prof. Dr. O. Warburg. (Fortsetzung und Schluss.) Deutsche Kulturbestrebungen im türkischen Orient. Haben wir bisher nur die natürlichen oder direkt wirtschaftlichen Momente in bezug auf die Expansion Deutschlands im türkischen Orient betrachtet, so müssen wir schliesslich auch die künstlichen oder indirekt wirtschaftlichen Momente der Hebung des deutschen Einflusses durch Politik, religiöse Propaganda, gemeinnützige Tätigkeit, durch Erziehung und Verbreitung deutscher Sprache sowie durch wissenschaftliche Bestrebungen einer Analyse unterziehen. Was die Politik betrifft, so hat Deutschland sich bisher niemals wie Frankreich zu Drohungen oder wie England zu Annexionen im türkischen Gebiet verstiegen. Bei dem Mangel an Flottenstützpunkten im Mittelmeer würde es für Deutschland auch wenig Zweck haben, irgendwelche türkischen Gebietsteile zu annektieren, da sie bei jedem Kriege mit anderen europäischen Grossmächten hilflos den Angriffen derselben ausgesetzt sein würden. Was aber Drohungen durch Flottendemonstrationen betrifft, so sind es sehr zweischneidige Waffen, da sie im allgemeinen durch Säen von Misstrauen weit mehr schaden, als die einzelnen Objekte, um die es sich dabei handelt, wert sind. — Vielmehr werden von deutscher Seite die freundschaftlichen Beziehungen. mit der Türkei gepflegt, wie z. B. der Besuch des deutschen Kaisers beim Sultan im Jahre 1898 ganz ausserordentlich gut aufgenommen wurde. Während England durch die Einnahme von Cypern und die Abtrennung von Aegypten seine Stellung in der Türkei stark untergraben hat, und ebenso wie Russland nur aus Furcht noch einigermassen gut behandelt wird, während Frankreich sich durch seine Flottendemonstration recht unbeliebt gemacht hat und nur durch fortwährende Drohungen und mit Hilfe einiger einflussreicher franzosenfreundlicher Hofbeamten seine Wünsche durchsetzen kann, ist zweifellos der deutsche Botschafter bei weitem der einflussreichste Diplomat in Konstantinopel, der sich aber eben deshalb auch sehr hütet, seinen Einfluss irgendwie zu missbrauchen.