Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- Deutsche Kolonisations-, Wirtschafts- und Kulturbestrebungen im türkischen Orient
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 162 — der in Frankreich bestehenden, für den Nachwuchs der Orden im Orient bestimmten Noviziate auch dem Zweiflern beweisen1). Dass diesen Befürchtungen bisher sehr wenig greifbare Unterlagen zur Verfügung stehen, hindert die französischen und katholischen2) Blätter nicht, andauernd Kassandrarufe auszustossen und das Dahinschwinden des französischen Einflusses zu prophezeien; ja, neuerdings beginnt sogar die ungarische Presse aus demselben Horn zu blasen und das Vordringen Deutschlands im Orient der Welt zu verkünden, natürlich in der deutlichen Absicht, ihm durch eben diese Denunziationen Hindernisse in den "Weg zu legen. So liess sich das regierungsfreundliche „Budapesti Hirlap" von einem besonderen Berichterstatter zu Beginn dieses Jahres folgendes schreiben: „Im besten Einvernehmen mit der Türkei steht unter sämtlichen europäischen Staaten das Deutsche Reich. Die Deutschen haben es verstanden, die Empfindlichkeit der Türken in der Frage der kretensischen und mazedonischen Reformgendarmerie mit vielem Takt zu schonen. Die Türken sind ein gutmütiges, erkenntliches Volk und sind den Deutschen den Dank für dieses passive Verhalten auch nicht schuldig geblieben. Heute herrschen deutscher Handel, deutsches Gewerbe und deutsches Kapital auf den Märkten und in den Häfen der europäischen und asiatischen Türkei. Die Deutschen setzen die stille wirtschaftliche Okkupation Kleinasiens mit Erfolg fort. Die politische Okkupation reift von selbst heran und wird später in einem günstigen Augenblick von selbst eintreten, als natürliche Folge der gegenwärtigen friedlichen wirtschaftlichen Eroberung ohne Waffen nach dein bekannten englischen Rezept. Der deutschen Arbeit ist es auch dienlich, dass das auf die Türkei und Konstantinopel sich spitzende Russland mit dem japanischen Kriege vollauf beschäftigt ist." „Die Idee des ,,Dranges nach dem Osten" hat in der Türkei Riesenerfolge. Den Deutschen ist die Erbauung der kleinasiatischen Eisenbahn mit deutschem Kapital gelungen. Gegenwärtig bauen sie die Eisenbahn nach Bagdad, deren erster Teil, die Linie Köniah—Bulgurlu, als Fortsetzung der anatolischen deutschen *) Erst neuerdings beginnen, wie seit einigen Jahren die deutsch-katholischen Institutionen des Orients, so jetzt auch die italienischen, sich dem Einflüsse Frankreichs zu entziehen, wie z. B. die italienischen Missionen in Palästina, das von italienischen. Salesianern geleitete Insthudes Arts et Metiers in Pera, die Franziskanerkirche St. Antonius in Pera, sowie die von Fran_ ziskanerschwestern geleitete Schule in Prinkipo. 2) Die deutsch-katholischen Blätter verhalten sich natürlich reserviert und haben sich sogar neuerdings, da sie sehen, dass Deutschland auch ihre Interessen im Orient erergisch vertritt, mit der deutschen Orientpolitik mehr und mehr ausgesöhnt.