Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Die Sprache der Juden im Orient [Nachricht]
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 2)
- Language
- German
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— 3i — Verbindungen in Wien haben die so lange unterbrochenen Verbindungen wieder angeknüpft; die ersten hiesigen Literaten haben mit einem Geschenk ihrer Werke geantwortet, und Dr. Angel Pulido hat kürzlich ein Buch-veröffentlicht, welches das obige Thema in umfassender Weise behandelt, und die Verhältnisse genau darlegt. Immer mehr bricht sich hier die Ueberzeugung Bahn, dass es wohl recht getan wäre, das von der Inquisition begangene Unrecht wieder gut zu machen, da die sich daraas ergebenden Folgen für beide Teile nur günstig sein könnten. Das Vorhandensein grosser Gruppen spanischer Juden im Orient ist ja für die. welche etwas weiter herumgekommen sind, nichts Neues. Weniger bekannt dürfte es aber doch wohl sein, dass diese Israeliten, die in so schmählicher Weise aus ihrer damaligen Heimat vertrieben wurden, mit den alten, von den Literaturhistorikern schon verloren geglaubten Romanzen und Gesängen auch noch eine Zuneigung zu dem Lande und der Nation als solcher sich erhalten haben. Die Jahrhunderte scheinen bei ihnen den Groll ausgelöscht und eine rege Sehnsucht nach den Stätten, wo sie einst glücklich waren, hervorgerufen zu haben. Wenigstens muss man das aus allen ihren privaten und öffentlichen Aeusserungen entnehmen. Unter der Herrschaft der Mauren sprachen die in Spanien ansässigen Juden arabisch; aber in dem Masse wie die Rekonquista fortschritt, eigneten sie sich das Kastilianische an und dienten nun vielfach als sehr nützliche und wichtige Vermittler der alten Kulturschätze, die die Araber zurückliessen. Schon um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts verfassten jüdische Aerzte, Philosophen und Rabbiner ihre Schriften in spanischer Sprache, und unter der Regierung Alfons des Weisen übertrugen sie darin arabische Werke religiösen, medizinischen, astronomischen und selbst kunstgewerblichen Inhalts. Die spanischen Liederbücher des vierzehnten Jahrhunderts sind voll von Poesien jüdischer Dichter. Sogar bei den gottesdienstlichen Handlungen wurde vielfach, wohl weil das Hebräische in Vergessenheit geraten war, die spanische Sprache verwandt, so dass es nicht weiter wundernehmen kann, dass sie diese als ihre eigene betrachteten, als sie Ende des fünfzehnten Jahrhunderts das Land verlassen mnssten. Einige zogen nach Südfrankreich, andere nach Italien, Englaud und den Niederlanden, ein grosser Teil aber wanderte nach dem Orient aus. Während die ersten aber bald die Idiome der genannten Länder annahmen, bewahrten letztere, die in Städten mit einer sich aus den verschiedensten Rassen, zusammensetzenden Bevölkerung lebten, die spanische Sprache als Bindeglied und Verständigungsmittel unter sich, und zwar bis auf den heutigen Tag. Es handelt sich dabei nicht, um kleine Kreise. Sprechen doch in Konstantinopel allein 52 000 Juden spanisch, in Salonichi 50 000, in Smyrna 22 000, in Bulgarien 35 000, in Bosnien 10 000, in Serbien 8000 usw. Enrique Bajarano, der Leiter einer jüdisch-spanischen Schule in Bukarest, schätzt die Gesamtzahl der spanisch sprechenden Juden im Orient auf über eine halbe Million. Auch die Familiennamen sind noch spanisch geblieben, und Namen wie Campas, Castro, Rodriguez, Caldaran, Perez usw. sind bei ihnen ganz geläufig. Die Frauen nennen sich Angela, Amada, Buena, Flor, Estimada, Fermosa, Nina, Senora, Virtud, Sol, Esperanza usw. Zahlreiche spanischjüdische Zeitungen sind in den letzten 50 Jahren entstanden, als erste 1S46 die „Puerta de Orienta" in Smyrna, später „La Luz de Israel", „El Nacional", „El Tempio" (korrumpiert aus Tiempo), „El Progreso", „El Telegrafo", „El Sol" in Konstantinopel, „El Lunar", „La Epoca" in Salonichi, „La Esperanza", „La Verdad" in Smyrna, „El Dragoman", „El Nacional", „El Carreo de Viena", „La Politica" und andere in Wien. In der Türkei nehmen über tausend spanische Juden Staatsämter ein. Man begegnet ihnen in fast allen Ministerien und auch