Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Landwirtschaftliche Chronik der jüdischen Kolonien in Palästina
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 25 (sequence 2)
- Language
- German
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— 25 — sacht wurde, lässt sich hier viel tiefer und empfindlicher fühlen als irgendwo in einem anderen Lande. Die Behörden haben nichts unternommen, um die Lage der durch alle über sie hereingebrochenen Unbilden schwer geprüften Ackerbauer zu erleichtern. Der Kredit ist im Lande nicht organisiert, und nicht wenig Leute sind in den Zustand der Verarmung geraten, und da sie weder Saat noch Vieh besassen, war es ihnen ganz unmöglich gewesen, die glücklichen Witterungsbedingungen auszunutzen. So wird wohl die Erinnerung an dieses Jahr, das unglücklichste, welches unsere Kolonisation bis jetzt verzeichnet haben mag, noch lange als ein Alp auf den Kolonisten sowie auf den Fellachen lasten. Die Rinderpest hat sich langsam, aber heftig vom Süden nach Norden verbreitet. In der Ebene von Saron, sowie auch in der von Sephela, war das Vieh so stark von der Pest getroffen, dass Dörfer, die früher zur Bestellung ihrer Felder 50—80 Paar Ochsen gebraucht haben, jetzt kaum den zehnten Teil ihrer früheren Arbeitskraft zur Verfügung haben. Gegenwärtig steigt die Rinderpest den Jordanlauf hinauf, und unglücklicherweise hat sie schon unsere Kolonie Melhamijeh heimgesucht. Die Sterblichkeit beim Vieh war dort sehr gross, so dass ein Teil der Hoffnungen der Kolonisten dahinschwinden musste. Nur Hedera und Zichron sind zum Glück bis heute von der Pest verschont geblieben. Und das ist wohl kein Glückszufall. Die Administration dieser Kolonien hatte mit Hilfe des sehr rührigen Arztes eine Abwehr organisiert, die wohl als Muster dienen könnte. Die Schutzimpfungen mit dem Serum Nie olle werden an sämtlichen Tieren wiederholt, und zwar in regelmässigen Zeitabschnitten durchgeführt. Um die grossen Ausgaben, die damit verbunden siod, zu ersparen, hat man mit der Fabrikation des Serums an Ort und Stelle, nämlich in Hedera, angefangen. Man muss zug-eben, dass diese Kolonien noch nicht ganz ausser Gefahr sind. Die Pest verheert gegenwärtig zum zweitenmal die schon einmal geprüften Dörfer in der Umgegend von Hedera. Nichtsdestoweniger hoffen wir, dass die getroffenen Abwehrmittel auch diesmal ihre Wirkung nicht verfehlen werden. Welcher Art auch die Ergebnisse dieser Massnahmen sein mögen, so muss immerhin die energische Abwehrorganisation in diesen Kolonien den Administrationen und Kolonie-Komitees der anderen Kolonien als Muster hingestellt werden. Wenn es auch schon zu spät sein mag, in den Kolonien der Tiberiasgegend energisch einzuschreiten, so soll doch wenigstens dies traurige Beispiel als Wrarnung den Kolonien im Norden (Rosch-Pinah und seine Umgebung und Mutelle) dienen, die einen ungefähren Viehbesitz im Werte von 100 000 Frcs. haben, und wo bis heute noch nichts unternommen wurde, um der mutmasslichen Gefahr der Seuche vorzubeugen. Und doch waren schon einige von diesen Kolonien von der Rinderpest heimgesucht gewesen und sind daher schon aus eigener Erfahrung mit ihren schrecklichen Folgen bekannt. Auch die Gefahr der Verheerung der jüdischen Kolonien durch Feldratten und -Mäuse ist noch bei weitem nicht ausgeschlossen. Man hofft, dass die starken Regengüsse den grösseren Teil derselben ertränken werden, und dass die Verheerungen in der Zukunft nicht so fühlbar sein werden. Das hiesse aber, sich vergeblichen Hoffnungen hinzugeben und an Wunder glauben. Indessen ist nichts unternommen worden, um eine wirkliche ' Vernichtung der Feldratten zu bewerkstelligen, was hier allerdings besonders schwierig ist angesichts der Indifferenz der Regierung und der Trägheit der einheimischen Be-