Mannheim
Compact Memory

Altneuland · 1904-11-01 · Heft 11 (November 1904) · p. Seite 345

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Altneuland
Volume
1 (1904)
Issue
Heft 11 (November 1904)
Article
[Rezension]
Date
1904-11-01
Page
Seite 345 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
spine
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2266000-2266001-2266013--0708-2266969
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 345 — „Ich will zum Verständnis zunächst einfügen, was ich von dem bisherigen Stand der Kolonisation gehört und gesehen habe: Herr von Rothschild hatte ein gewaltiges Kapital, man spricht von 50 Mill. Francs, in die Kolonien gesteckt, als er ermüdete. In vielen Dörfern stellte sich der Betrag für die Ansiedelung einer Bauernfamilie noch immer auf 20000 Frcs. Viele Millionen waren zwecklos vergeudet und nur ein Teil investiert. Viele Tausende von Hektolitern Wein lagerten in Rischon und Sichron, jede Ernte brachte steigende Weinmengen, für die man keine Käufer hatte. So entschloss sich der Baron, die weitere Kolonisation vorläufig einzustellen. Er spendete einen Fonds von mehreren Millionen, der von Mitgliedern der J. C. A. verwaltet wurde, und blieb selbst Vorsitzender dieses Komitees, das die bestehenden Kolonien allmählich mit der J. C. A. sanieren, aber keine Neugründungen vornehmen sollte. Die J. C. A. bezw. das „Comite Palestineen" gingen nun mit höchster Sjfarsamkeit vor. Man kaufte für diejenigen Bauern, die zu wenig Boden besassen, Land. Man beseitigte zahlreiche lebensunfähige Elemente, was zumeist zu - loben war. Unnötig war dagegen, dass man auch einen Teil der Tagelöhner, und zwar gerade die besten, zur Auswanderung zwang, indem man ihnen jede Hoffnung auf eine Ansiedelung nahm, zumal gerade diese bescheidenen und tüchtigen Leute einen vorzüglichen Stamm für eine andere, durchaus gesunde und lebensfähige Kolonisation mit relativ geringen Kosten geboten hätten; denn hier hatte man Leute, die den Boden kannten und liebten, den Ackerbau verstanden und nichts anderes sein wollten, als wirkliche Bauern! Und gerade sie mussten gehen! Aber irgendwelche Neuansiedelungen waren prinzipiell ausgeschlossen, und so reiten diese Männer heute durch die Steppen Australiens. Man weigerte sich, den Bauern Zuschüsse zu geben, verwies sie auf die eigene Kraft und forderte persönliche Arbeit auf den Feldern. Man schränkte die bevormundende Wirksamkeit der Verwaltungen ein, verlangte Initiative von den Bauern und räumte in den Schulen dem hebräischen Unterricht einen breiten Platz ein. Das alles sind entschiedene Verdienste der neuen Verwaltung, die auch von den Kolonisten selbst vielfach anerkannt werden. Soweit wir Gelegenheit hatten, die Beamten der Dörfer kennen zu lernen, haben wir durchweg den Eindruck wohlwollender, tüchtiger und gewissenhafter Männer empfangen. Aber in all dem Vorgehen der J. C. A. lag etwas Ruckweises. Und dann scheint es, dass die Generaladministration von Beirut ein ständiges Hemmnis Rüden Fortschritt und einen Wall gegen den guten Willen der Administration bildet. An die Spitze eines grossen Unternehmens gehören Leute, die etwas von der Sache verstehen, und den Ackerbau erlernt man so wenig auf dem Kai von Beirut, wie auf den Pariser Boulevards. Die J. C. A. sollte ein Interesse daran haben, dass Kritiken, wie wir sie in Palästina allseitig vernehmen, endlich verstummen. Als so die Verhältnisse zwar gebessert, aber die weiteren Entwickelungen zum Stillstand gebracht waren, trat Herr Kaivaryski mit einem neuen Plan hervor und erkämpfte sich die Erlaubnis, ihn in die Praxis umzusetzen. Er verlangte: Man beschränkt sich auf den Getreidebau, für den in Galiläa grosse und frachtbare Bodenflächen zur Verfügung stehen. Dann nimmt man die angesiedelten Leute und lässt sie selbst den Boden urbar machen. Während dieses Jahres leben die Männer in einem gemeinsamen Hause von grosser Einfachheit, ohne die Familien, die vorläufig in den fertigen Kolonien verbleiben. Sind die Leute

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.