Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 1 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Deutsche Pilgerzüge in Palästina [Nachricht]
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 337 (sequence 1)
- Language
- German
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— 337 — Deutsche Pilgerzoge in Palästina. Während wir fortwährend von grossen Rompilgerzügen aus allen Ländern lesen, sind Volkswallfahrten nach Palästina bisher fast nur eine Domäne Russlands gewesen, wo sie unter kräftiger Mithilfe der Regierung mehr aus politischen als aus religiösen Gründen alljährlich zur Osterzeit veranstaltet werden. Jetzt scheint es anders werden zu sollen. Im vorigen Jahre hat Oberst v. Himmel bereits vier Pilgerzüge aus Tirol mit über 2000 Teilnehmern zu billigen Preisen nach Jerusalem geführt. Dass jetzt Palästina auch das Ziel deutscher Pilgerfahrten wird, beweist der Besuch des heiligen Landes durch grosse bayerische und württembergische Pilgerzüge. Ersterer gelangte mit 537 Pilgern im Juli von München aus zur Ausführung. Letzterer, aus 500 Teilnehmern beiderlei Geschlechts bestehend, ist kürzlich über Triest und München wieder nach Stuttgart zurückgekehrt, nachdem die ganze Reise nicht ganz vier Wochen in Anspruch genommen hatte. Das dem österreichischen Lloyd gehörige, erst vor drei Jahren gebaute Schiff ist für solche Fahrten besonders eingerichtet, so dass auch die Passagiere der 3. Klasse darin gut aufgehoben sind. Auch die Pilger aus Tirol und Bayern haben das Schiff benutzt. Von den auf der Pilgerfahrt erkrankten Personen sind leider vier gestorben, darunter der Stadtdekan Dr. Braun aus Stuttgart. Die übrigen sind teils wieder gesund, teils auf dem Wege der Besserung. Nach dem Urteil der Aerzte sind, wie der „Oberschw. Anz." berichtet, in erster Linie Ursache der Erkrankung: Ueberanstrengung, die Hitze in Palästina, die Fahrt auf dem schlecht eingerichteten, wenig sauberen österreichischen Schifte und die mit nur kurzen Unterbrechungen Tag und Nacht dauernde Fahrt von Triest bis Ravensburg Nach der „Frankfurter Zeitung" vom 13. 10. war es hingegen eine Typhusep.idemie, verursacht durch einen typhuskranken Lehrer aus der Schweiz, der an Bord genommen war, ohne dass man die Gefährlichkeit seiner Krankheit ahnte. Im allgemeinen sind die Sommermonate für solche Pilgerzüge nicht ungeeignet, da in Jerusalem dann keine Ueberfüllung ist, das Meer am ruhigsten ist, und die im Mai und Juni herrschende stechende Hitze im Hochsommer nicht mehr so unangenehm ist. Die Kosten einschliesslich Verpflegung usw. betragen von Stuttgart aus und dahiu zurück 350 M. für 2. und 240 M. für 3. Klasse, für die Fahrt nach Galiläa und zum Toten Meer sind 70 M. extra zu zahlen. Dazu sind 60 bzw. 40 M. Garantiebetrag zu stellen für unvorhergesehene Quarantäne, der man im Morgenlande zu jeder Jahreszeit einmal verfallen kann. Wenn erst das neue deutsche Hospiz auf dem Paulusplatz vor dem Damaskustore Jerusalems vollendet sein wird, welches zukünftigen Pilgern eine wohnlichere Stätte gewähren wird, als das bisherige kleine und entlegenere deutsche Haus, so werden sich derartige Pilgerzüge vermutlich häufiger und in noch grösserem Maasse wiederholen, zumal wenn auch der Hafen und Eisenbahnen ein leichteres und bequemeres Reisen in Palästina selbst gestatten werden. Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus können wir diese Pilgerzüge nur begrüssen, und ebenso auch von politischen Erwägungen aus, da dadurch der jetzt noch in Jerusalem dominierende Einfluss der grossen russischen Pilgerzüge und mithin der orthodoxen russischen Kirche, d. h. Russlands, etwas gemindert werden dürfte. Auch der französische Einfluss ist infolge der vielen katholischen, die französische Sprache verbreitenden Schulen, sowie des Protektorates Frankreichs über die Katholiken des Orients, noch immer ein sehr bedeutender. Der deutsche