Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 1 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Die Gewinnbeteiligung im landwirtschaftlichen Betriebe
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 322 (sequence 2)
- Language
- German
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— 322 — ihren menschlichen Haustieren heraus, und auch sie nur grobe Kraftausgabe ohne Sorgfalt; und die osteuropäischen Grossgrundbesitzer gingen geradezu massenhaft zu Grunde an der erbärmlichen Arbeitsleistung ihrer Hintersassen: die freie Arbeit, d. h. nichts anderes als das Selbstinteresse, erwies sich derart als überlegenes Motiv zur Arbeit, dass die Emanzipation der Leibeigenen im Anfange des XIX. Jahrhunderts die Magnaten von Holstein, Preussen, Oesterreich-Ungarn usw. erst zu reichen Leuten machte. So war der Uebergang von erzwungener, unentgoltener Arbeit zum Lohnsystem, das Europa dem Liberalismus verdankt, der ungeheuerste Fortschritt, und in der Tat ein mächtigerer Hebel des menschlichen Reichtums und damit der menschlichen Kultur, als selbst die Zähmung der Dampfkraft und der in ihrem Gefolge sich drängenden technischen Erfindungen. Aber es hat sich immer ' mehr herausgestellt, dass dieser Fortschritt dennoch nur eine erste Etappe auf einem Wege darstellte, der mit Energie weiter beschritten werden muss, soll die Arbeit den vollen Grad ihrer möglichen Ergiebigkeit erreichen, und damit die Herrschaft des Menschen über die Natur — und das ist: Kultur — zur Entfaltung ihrer letzten Möglichkeiten gelangen. Das letzte Ziel kann nichts anderes sein als die volle Entfesselung des Eigeninteresses dadurch, dass der Ertrag seiner Arbeit jedem Arbeiter grundsätzlich unverkürzt zugeführt wird, soweit die Unzulänglichkeit menschlicher Einrichtungen das irgendwie gestattet. Man wird dieses Ziel nicht mit einem Sprunge erreichen können; wenn man es aber erstrebt, so führt vom Lohnsystem zur „vollen Gewinnverteilung", wie ich es s. Zt. genannt habe, nur der Weg über die Gewinnbeteiligung". Es gibt Schwärmer für die Gewinnbeteiligung, die sie geradezu als das Heilmittel der sozialen Frage betrachten und der Hoffnung leben, dass es ihnen durch rastlose Agitation gelingen wird, alle Unternehmer zu ihrer Einführung zu bewegen. Ich gehöre nicht zu diesen Schwärmern. Die Gewinnbeteiligung eignet sich nur für solche Betriebe, in denen durch gesteigerte Sorgfalt der Arbeiterschaft der Reingewinn sehr bedeutend gesteigert werden kann; sie ist grundsätzlich ein theoretisch unvollkommenes Verfahren, denn* der zur Verteilung gelangende Reingewinn eines Unternehmens ist nur in beschränktem Masse von der Sorgfalt und dem Fleisse seiner Arbeiterschaft abhängig: die Unternehmertätigkeit und vor allem die Konjunktur beeinflussen ihn auf dasstärkste. — Ferner würde selbst eine allge-