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Altneuland · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 315

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Altneuland
Volume
1 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Jüdische Kolonisation in Rio Grande [Nachricht]
Date
1904-10-01
Page
Seite 315 (sequence 2)
Language
German
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— 315 — Die „Association" ist kein geschäftliches Unternehmen, sondern verfolgt humanitäre Ziele. Ihr Gründer war der verstorbene Philantrop Baron Hirsch,, der ein bedeutendes Kapital zur Unterstützung seiner in manchen europäischen Staaten auf das grausamste verfolgten Stammesgenossen hinterliess. Baron Hirsch war überzeugt, dass nur eine Massenauswanderung das Los des Judenproletariats in Europa bessern könne. Er hatte bei Lebzeiten selbst damit begonnen, die jüdische Kolonisation in Argentinien einzuführen, wo gegenwärtig mehrere israelitische Kolonien bestehen, wie z. B. in den Provinzen Buenos Aires und Entre Rios. Auch in Kanada gibt es Judenniederlassungen. Die erzielten Erfolge ermutigen die Leiter der „Jewish Colonization Association**, in Brasilien einen Kolonisationsversuch zu machen, und zwar wurde hierzu der Staat Rio Grande do Sul ausersehen, weil dessen Klima sich dem von< Südwesteuropa am meisten nähert, und weil es dort dem einzelnen Kolonisten nicht schwer fällt, sich durch seiner Hände Arbeit eigenen Grund und Boden zu erwerben. Im Jahre 1900 wurde deshalb eine Sachverständigenkommission nach. Rio Grande do Sul gesandt, um die Bedingungen für eine dort anzulegende Kolonie zu studieren. Die eingezogenen Erkundigungen waren die denkbar günstigsten, und schon im Jahre 1902 kam ein Vertreter der „Association" aufs neue nach hier. Weil nun aber einer der Hauptpunkte des Kolonisationsprogramms jener Gesellschaft darin besteht, die Kolonien nur in der Nähe von Eisenbahnen anzulegen, um den Kolonisten den Absatz ihrer Produkte zu erleichtern, so war Herr Lapin, Vertreter der „J. C. A.", vor allem auf die von Eisenbahnlinien durchschnittenen Ländereien angewiesen, wo er denn auch gründliche- Bodenanalysen vornahm. In der Gegend von Pinhal, 25 Kim. entfernt von Santa Maria, schon auf der Serra, fand Lapin einen Landkomplex von zirka 2 Quadratleguas Flächeninhalt, der ihm besonders geeignet erschien. Er kaufte ihn daher an. Jetzt wird an der Vermessung des Landes in Kolonielose und an den Wegen gearbeitet. Jede Kolonie1) erhält ihr Haus. Es wird alles getan, um den erwarteten Kolonisten die grössten Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, da, wie bekannt, Anfänger sich nur zu oft dadurch abschrecken lassen und die Flucht ergreifen. Der Koloniekomplex besteht aus Kampland. Es ist dies der erste grössere Versuch, der in unserem Staate mit Kampkolonisation gemacht wird. Bisher hatte man Kolonien nur im Urwald angelegt, von der Annahme ausgehend, dass die Kampländereien nicht ertragreich genug wären und die Bewirtschaftung zu kostspielig sei. Die jüdische Kolonie wird nur Kampwirtschaft betreiben. Jeder Kolonist erhält allerdings auch auf seinem Lose ein Stück Wald, aber nicht um es niederzuhauen, sondern um sich sein Brenn- und. Bauholz daraus zu holen. Die Kolonisationsgesellschaft liefert jeder Kolonistenfamilie ein Los von annähernd 25 Hektaren und ein Häuschen darauf, sowie Ackerbaugeräte, Sämereien und Zugtiere. Dadurch entstehen der Gesellschaft natürlich grosse Ausgaben, aber man hofft mit Recht, dass der Kolonist auf diese Weise viel schneller in der Lage sein wird, seinen bei Empfang des Kolonieloses eingegangenen Verpflichtungen nachzukommen. Die „Association" spielt nur die Vermittlerin, bereitet alles vor und liefert das nötige Anlagekapital, damit der Kolonist sich sofort einer einträglichen Beschäftigung widmen kann. Die kontrahierte Schuld soll binnen einer bestimmten *) „Kolonie^ wird in Brasilien jedes Kolonistenwesen genannt, also nicht, wie in. Palästina, eine Ansiedlung von mehreren Kolonisten zusammen. D. Red.

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